Parallelen von Bojowalds Buch zu Hawkings berühmter "kurzen Geschichte der Zeit" sind ja bereits oft erwähnt worden. Sicher auch aus Marketing-Gründen, aber die beiden Werke ähneln sich tatsächlich in ihrem Anliegen: Den aktuellen Stand des Wissens um das Entstehen und die Eigenschaften des Universums und dabei nebenher die vom Verfasser bevorzugte Theorie zu dem Thema allgemeinverständlich darzustellen. In Hawkings Fall war das das das Modell der raumartigen Zeit in der Nähe von Singularitäten, bei Bojowald ist es die Schleifen-Quantengravitation.
Dieses Modell geht, kurz gefasst, davon aus, dass nicht nur Materie und Energie, sondern auch Raum und Zeit gequantelt sind, also sozusagen aus Raumzeit-Atomen bestehen. Damit lässt sich der Zusammenbruch der bekannten Physik an Singularitäten wie schwarzen Löchern oder dem Urknall vermeiden, und es ergäbe sich daraus sogar die Möglichkeit eines begrenzten Informationsflusses aus einem Vorgänger-Universum in unseres.
So originell und interessant dieser Ansatz sein mag: Leider ist das Buch "Zurück vor den Urknall" in meinen Augen nicht gelungen. Es erhebt den Anspruch, auch für Nichtwissenschaftler verständlich zu sein, aber dieses Ziel erreicht man nicht einfach dadurch, dass man die komplizierten Formeln weglässt: Man muss sie auch durch eine allgemeinverständliche Version der Erklärung ersetzen. Das gelingt Bojowald an vielen Stellen, die seine Theorie betreffen, leider nicht. Er beschreibt absätzeweise Details, die ihn als Experten sicher interessieren, deren Relevanz für den Gesamtzusammenhang aber oft nicht erkennbar wird. Man hat als Leser nur selten den Eindruck, die Zusammenhänge und Konsequenzen zu erkennen, meistens muss man sie einfach zur Kenntnis nehmen. So weit war ich allerdings nach Bojowalds Artikel im "Spektrum der Wissenschaft" (Mai 2009) weitgehend auch schon, ich hatte mir gerade mehr Einblick in den dahinter liegenden Gedankengang erhofft. Dieser Einblick hat sich kaum eingestellt.
Zudem habe ich den Eindruck, dass dieses Buch nicht "aus einem Guss" entstanden ist, sondern dass einige der Kapitel gegen Ende im Wesentlichen recycelte Aufsätze darstellen, mit denen das Buch dicker gemacht wurde, ohne dass sie inhaltlich und strukturell so richtig in ein Konzept passen wollen.
Insgesamt gibt es in dem Buch durchaus einige interessante Dinge zu lernen, aber es hat leider nicht das geliefert, was jedenfalls ich mir davon versprochen habe. Durch die letzten ~100 Seiten habe ich mich mehr aus Pflichtgefühl und weniger aus Interesse gearbeitet. Mit etwas Abstand werde ich dem Buch eine zweite Chance geben, vielleicht eröffnen sich dann doch neue Erkenntnisse.