Rezension verfasst vor 10 Monaten
(8)
Vater und Mutter ein Denkmal zu setzen, das gelingt nicht jedem!
Martin Kubiczek wählt eine ganz eigene Form der Darstellung über seine Eltern.
Sie zeigen seinen Vater im Zweiten Weltkrieg als jungen und starken Mann, wie er sich geschickt durch seine Militärjahre hindurchlaviert. Er verlegt Kabel für Telefon - und Funkübertragungen. Sie sind nachgerade lebenswichtig für eine funktionierende Armee. Man hört von Menschen und Kämpfen, von Ortschaften, Fluchten und dem Fluch des Krieges, der ganze Familien und Einzelschicksale berührt. In der skizzenhaften Darstellung gewinnt man Einblicke, wie Krieg auch sein kann: unerklärlich, ausgeliefert und unabwendbar im Siegen wie im Verlieren.
In weiteren Kapiteln ist dieser jugendliche und kräftige Vater später ein alter, verknitterter Mann, nur noch den elementaren Bedürfnissen verhaftet: Essen, Trinken, Schlafen.
Und die Mutter? Einstmals eine junge Frau, auch sie von den Folgen des Krieges gebeutelt, und dann eine liebende Ehefrau, die mit ihrem Mann eine lange, geduldige Ehe führte und ihre Kinder versorgte.
Aber da gibt es noch etwas: die Malkunst des Vaters, der sich an dem Maler William Turner orientiert, der als Vorläufer des Impressionismus gilt. Der Vater malt den Berg Rigi und beseligt sich an den Zeichnungen Turners.
Die Erzählung wechselt zwischen scheinbar weit auseinander liegenden Lebensetappen, wodurch eine essayistische Erzählform entstanden ist. Die Last des Alters und die Vergänglichkeit aller schönen und aufmunternden Zeiten werden vom Autor minutiös aufgezeichnet. Die Form ist etwas spröde und kantig, lässt jedoch Bilder zu, die man sich in dieser Weise selten vor Augen führt.
Hier ist erneut ein Erinnerungsbuch an Eltern entstanden, wie sie jetzt in vielfachen Ausdrucksformen auf dem Buchmarkt zu finden sind. Das Thema von Vergangenheit und Zukunft, das offensichtlich die zeitgemäßen Dichter berührt, wird von den halbjungen Autoren quasi als Mahnung und Aussicht einmal poetischer, das andere Mal realistischer aufgezeichnet.
Auf jeden Fall regt jede Form dieser Darstellung zum Nachsinnen an.
Martin Kubiczek ist ein österreichischen Literaturkritiker und Essayist, der in Wien und Tokio lebt.
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