Seine Hand spürte sein Gesicht, aber sein Gesicht spürte seine Hand nicht. - Die ersten Sätze
Fabio Rossi, Journalist, erwacht im Krankenhaus - und erinnert sich nicht mehr an die letzten 50 Tage. Die blonde Frau, die ihn jeden Tag besucht, und behauptet, seine Freundin zu sein, erkennt er nicht - statdessen erinnert er sich ganz genau an Norina, seine Ex, und er kann nicht verstehen, weshalb er mit ihr Schluss gemacht hat. Auch sonst hat sich viel verändert - besonders er selbst, wie ihm alle berichten. Doch warum? Langsam kommt er einer grossen Sache auf die Spur - zum zweiten Mal...
- Achtung, ganz leichte Spoiler -
Meine Meinung: Martin Suter mag man oder man mag ihn nicht. Das ist einfach so.
Das Thema der Amnesie ist ja mittlerweile ziemlich ausgelutscht, wurde schon in unzähligen Büchern verwendet und ist hier mässig kreativ umgesetzt. Die Charaktere sind gut ausgearbeitet, nachvollziehbar - ja, Martin Suter versteht sein Handwerk, er weiss, wie man eine Geschichte konstruiert, wie man den Spannungsbogen aufbaut und wie die Charaktere zu handeln haben. Trotzdem, manchmal würde ich mir ein bisschen mehr Drama in seinen Geschichten wünschen - einen Selbstmord zum Beispiel, der im Buch vorkommt, wird so undramatisch und langweilig erzählt, dass ich nur so gedacht habe: "Oh. Er hat sich umgebracht. Okay." - Dabei ist das doch ein unglaublicher Wendepunkt in der Geschichte! Der lesen sollte denken: "Oh mein Gott!! Er hat sich umgebracht!! Wieso?!?!"
Martin Suter schreibt aalglatt, er ist flüssig zu lesen und macht keine Knoten im Hirn. Halt einfach ein ganz normales Buch, kein besonders herausragendes, einfach ein normales Buch. Er ist aber ganz klar kein Poet. Schönheit in den Sätzen und Wörtern wie z.B. bei Cornelia Funke findet man nicht.
Ich bringe hier mal ein Beispiel, zwei wahllos herausgesuchte Sätze. Als erstes Martin Suter:
"Draussen fing ein Hund an zu bellen. "Jaspers!" schrie eine Frauenstimme. Das Bellen verstummte."
Dann Cornelia Funke in Tintenherz:
"Sie glaubte Stimmen zu hören, lauter als Staubfingers Musik, Männerstimmen, und eine furchtbare Angst machte sich in ihr breit, genauso schwarz und fremd wie in der Nacht, in der Staubfinger draussen auf dem Hof gestanden hatte."
Hier sieht man genau den Unterschied: Suter macht kurze, knappe Sätze, mit einfacher Wortwahl, sodass es sehr flüssig zu lesen und einfach zu verstehen ist, mit immer den gleichen Formulierungen. Auch Funke ist flüssig zu lesen, allerdings viel poetischer, schöner, mit schönen Worten und einem sehr langen Satzbau, mit vielen Adjektiven. Darum muss Martin Suter so sehr auf den Aufbau und den Spannungsbogen einer Geschichte achten - bei Funke liest man auch weiter, wenn die Geschichte grade ein bisschen einschläft, einfach, weil ihre Formulierungen so schön sind.
Ich persönlich bevorzuge die Funke-Variante. Das ist einfach mehr Literatur als das, was Martin Suter erzeugt, seine Bücher sind einfach nur Lesefutter, nichts besonderes. Natürlich gibt es gute Wendungen, korrekte Charaktere und so weiter, aber er hat einfach nicht das gewisse Etwas, das ein Buch auch braucht - Ästhetik.
Martin Suter ist ein Handwerker, Funke ist eine Künstlerin.
Wie gesagt - ich mag die Kunst lieber.
Und genau deshalb kriegt Martin Suter mit diesem Buch nur 4 Sterne.
Fazit: Ein typisches Martin-Suter-Buch, mit einfachen, immer gleichen Formulierungen, aber guten Wendepunkten und einem passablen Spannungsbogen. Schnell zu lesen - halt nur Lesefutter, kein poetisches, wunderschönes Werk. Mainstream eben.