Die Novelle Konrad
Sommerlich warmes Korfu… der alternde Konrad Lang ist über unscheinbare Ecken doch irgendwie ein Familienmitglied der Familie Koch. Um ihm etwas gutes zu tun, hat man ihn im Gästehaus beim nahe gelegenen Urlaubsanwesen der Familie Koch einquartiert, er soll dort auf das Anwesen aufpassen und stets nach dem Rechten schauen. Auch Korfu kann mal einen Schlecht-Wetter-Phase ereilen wo es dann klirrend kalt ist. Da Konrad eh nach dem Anwesen schauen muss, nimmt er seinen kleinen Benzinkanister mit in das feine Haus der Kochs, denn sie haben in dem einen Zimmer einen wundervollen Kamin.
Gesagt getan, er stapelt nicht ganz trockenes Mandelholz im Kamin und benetzt dieses mit ein wenig Benzin… ein Streichholz angezündet und an einen Holzstapel gehalten…. Derweil fährt er mit der Drahtseilbahn wieder zurück in sein Reich, um sich etwas Käse und Wein zu holen, auf dem Wege zurück zum Anwesen vernimmt Konrad Rauchgeruch, schreibt dieses aber auf die Abluft des Kamins zu.. doch je näher er dem Rauch kommt beschleicht Konrad ein komisches und Angsterfüllendes Gefühl… ein Blick bestätigt : er hat den trockenen Holzstapel vor dem Kamin angezündet nur nicht den Benzingetränkten im Kamin…. Schnell breitet sich das Feuer aus…
Das Schicksal nimmt seinen Lauf, man müsste nun meinen, das dieses Malheur ausreiche, um Konrad all seiner Aufgaben zu entbinden, doch sein alter Freund Thomas Koch bedrängt seine Mutter Elvira, Konrad nicht seinem Schicksal zu überlassen. Nur zögerlich wird dem Wunsch Thomas´ nachgegeben, so zieht Konrad nach einem kurzen Gefängnisaufenthalt auf Korfu in die Schweiz um, wo er eine kleine karg eingerichtete Wohnung bekommt, sowie ein kleines Taschengeld.
.
Konrad ist es beinah egal, Hauptsache man lässt ihn in Ruhe. Er lernt ein paar neue Leute kennen, unter anderem auch Rosemarie… er lebt so vor sich hin, trinkt mal hier mal dort und bemerkt anfangs nicht das schleichende…. Erst als ihm viele "alte" Erinnerungen wieder sehr realitätsnah erscheinen, aber er sich manches mal nicht daran erinnern kann, wieso er sich angezogen hat und auf die Straße gegangen ist, lassen ihn in sich hineinhorchen… ist es normal das man seine Geldbörse in den Kühlschrank legt, Kondome mit Himbeergeschmack in Tiefkühlfach aufbewahrt?
Zwischen ihm und Rosemarie hat sich eine feste Freundschaft entwickelt, Rosemarie bemerkt Konrads Veränderung, macht sich aber noch keine tiefgründigeren Gedanken darüber… erst als Konrad des Nachts mit Pyjama und Bademantel sowie ihrer Fellmütze bekleidet in die frostige Nacht hinausgeht und von einem Kutscher im Schnee versteckt aufgefunden wird, weiß sie das sie handeln muss….
.
Was weder Rosemarie noch Konrad selber wissen, Frau Koch, welche ihm den Brand ihres Anwesens auf Korfu verziehen hat, und dafür sorgte das Konrad sein Auskommen in der Schweiz hat, macht sich nun ernste Gedanken, denn immer öfters geraten prekäre Details aus der Vergangenheit – an die Konrad sich besser erinnern kann, als an das aktuelle Tagesgeschehen – ans Tageslicht, die Sie mehr als beunruhigen.
Denn das Familiengerüst um Konrad, Thomas und auch Frau Kochs Person selber ist nicht so, wie es nach außen hin zur Schau gestellt wird, bisher hatte Frau Koch noch immer geschickt dirigieren können…. Aber so langsam…
Für die Menschen im Umfeld wird Konrad immer merkwürdiger.. bis ein absolutes Tabu-Thema zur Sprache kommt : Alzheimer.
Ein kaltblütiger Wettlauf zwischen der Geheimzuhaltenden Vergangenheit von Frau Koch inklusive ihrer Geheimnisse sowie dem Aufrechterhalten von Konrads Erinnerungsvermögen beginnt.
Gedanken
Eigentlich bin ich kein Freund von Werken, die sich intensiv mit einer Krankheit als Handlungsthema beschäftigen, vor allem wenn man im privaten Bereich ebenfalls mit der Krankheit in Berührung kommt. Ein Familienmitglied hat Alzheimer ….. die Lebensprognose der Ärzte betrug eigentlich nur 3,4 Jahre, mittlerweile sind es 8 Jahre….
.
Wie gesagt ich bin eigentlich kein Freund solcher Werke, aber irgendetwas im Inneren sagte mir, das Buch muss bzw. will gelesen werden. War es der Klappentext und / oder die Pressestimmen?
Fesselnd. Eine der großen Qualitäten von Martin Suters Roman liegt in der Präzision, mit der er die Krankheit und Umgebung beschreibt, und in der Gelassenheit, mit der er die Geschichte langsam voran treibt. (Le Monde, Paris)
.
Oder die Bedenken, das das Buch eher auf Mitleidstour basieren könnte? Das waren so die Gedanken, die mir durch den Kopf gingen, denn bedingt durch den familiären Pflegefall ist man doch mit der Thematik vertraut.
Eingangs konnte man sich noch nicht so vorstellen, worauf das Buch abzielt, denn der Klappentext ließ nur erahnen, in welche Richtung es thematisch schwenken würde, ferne ließ der Klappentext auch keinen Entschluss darüber zu, ob es gesamt gesehen an wahren Fakten oder eher an träumerische Gerüste vermuten lässt.
.
Kaum, das ich mich eingelesen hatte, vermochte mich Small World nicht mehr loszulassen, jede freie Minute nutze ich, um eine weitere Seite zu lesen. Die Handlung als solches ist sehr gestützt auf die Thematik Alzheimer, aber nicht in der Form, das es anstrengend oder gar Effekte heischend herüberkommt, sondern so, das es berührt und man auch im Nachhinein den einen oder anderen Gedanken aufkommen lässt, nämlich den, wie man selber im Alter – sollte einen dieses Schicksal ereilen - behandelt werden möchte. Schnell kommen Gedanken, das man sich schon jetzt um Patientenverfügungen etc. kümmern sollte. Aber davon mal abgesehen und um wieder auf das Buch als solches zu sprechen zu kommen:
.
Die Handlung ist gut aufgebaut , so passt das umgebende Ambiente und auch die Charaktere. Beides – Handlung wie auch die Charaktere – lassen den Eindruck erwecken, man erlebt bzw. man sei selber ein Teil des Buches. Hat man sich so richtig eingelesen, dann merkt man, das man eins geworden ist mit dem Buch, man wird tief im inneren angesprochen und macht sich insgeheim in die Zukunft blickend und an das eigene Leben im Alter denkend so seine Gedanken. Da ich nun selber mit der Thematik vertraut bin, kann ich an dieser Stelle sagen, das hier keine Phantasiegebilde in Bezug auf die Krankheit Alzheimer geschaffen worden sind, sondern sie der Wahrheit und auch dem – leider – natürlichen Verlauf des Krankheitsbildes entsprechen.
Daher wirkt die Handlung sehr authentisch , denn auch die Charaktere sind hier liebevoll gestaltet und an die Thematik angepasst worden, auch wenn ein Protagonist darunter ist, der wieder mal alle Klischees bedient, aber mal ehrlich, eine "Gewitter-Hexe" muss irgendwie in beinah jedem Werk vorhanden sein, denn das "Böse" hat doch noch eine gewisse Reizausübung. Jeder einzelne der hier agierenden Charaktere ist nachvollziehbar gezeichnet, ohne überheblich oder gar unglaubwürdig zu erscheinen. Schnell hat man beim Lesen, die Beziehungen zwischen den einzelnen heraus gefunden, schon entwickelt sich ein imaginäres Kopfkino, welches die Zeilen zwischen den Zeilen füllt .
.
Aber eine Handlung mit solch einem ernsten Thema wirkt ja nicht nur durch die Geschichte und die Charaktere, sondern macht auch ein Schreibstil sowie ein gewisse Spannungsbogen viel aus. M. Suter hat hier einen vorsichtigen und gut bedachten sowie schnörkellosen Schreibstil an der Hand und diesen lässt er Seite um Seite sprechen und den Leser versinken. Da ist nichts überflüssiges, aber auch nichts was den Eindruck erwecken lässt, das sei nur zum Lücken füllen geschrieben. Eine umsichtige Formulierung lässt eine gewisse Realität zu, die im weiteren Verlauf der Handlung eine immer größere Rolle spielt, sei es bei den Charakteren an sich als auch bei der Thematik im Besonderen.
Man mag nun denken, das gerade bei Handlungen um Krankheiten medizinische Fachbegriffe auftauchen könnten, ein paar sind es durchaus, aber diese sind im Dialog zwischen den Protagonisten aufgegriffen und erläutert, so das auch ein nicht in die Thematik eingebundener Leser das Gelesene verstehen und nachvollziehen kann.
Was mir besonders imponierte sind die spielerisch eingebrachten Anhaltspunkte, wie sich ein Mensch mit beginnender Alzheimer immer wieder aus den Affären zu ziehen versucht um nicht aufzufallen, das ihm manches entfallen ist…
Small World wirkt ernst, aber dennoch findet man die eine oder andere dezente Passage, wo man als Leser unbeabsichtigt schmunzeln muss… das möchte ich einfach mal so im Raum stehen lassen, es ist aber nicht unangebracht, das eine kleine dezente Priese Humor eingebracht wurde, aber dieses ist ja auch Empfindungssache.
.
Durch wenig unsinnige Klischees in Bezug auf die Charaktere – die aber wiederum nicht störend wirken, kommt neben der sachlich umsichtigen Formulierungsgabe und dem durchaus als einfach zu bezeichnenden Schreibstil auch eine gute Spannung auf, wobei Spannung das falsche Wort ist, Neugier trifft es passender. Denn je weiter man liest , desto gebannter ist man, wie es denn nun weiter geht, und ohne nun zuviel zu verraten, es wird eine Wendung eintreten, die den Leser so sehr fesselt, das man alles andere um sich herum vergisst. Manch einer mag nach dem Auslesen denken, das das Ende offen ist, dieses ist Betrachtungssache, man kann es so sehen und auch so sehen, also als offenes Ende, wo man sich als Leser zurücklehnt und dann selber ein Ende findet, oder man kann der Meinung sein, hier ist eine Fortsetzung fällig…
.
Betrachte ich Small World als Ganzes, dann bin ich, wie man vielleicht schon gemerkt hat, begeistert von der Entdeckung eines mir bisher unbekannten Autos (welcher schon mit weiteren Werken Einzug bei mir gehalten hat..).
Finde ich ein Kritikpünktchen? Nein, auch wenn – wie schon erwähnt – man meinen könnte, das das Ende vielleicht "zu offen" ist, aber dann kann man seine eigene Phantasie ein wenig spielen lassen.
.
Fazit
Ein mitfühlendes Werk, das einen nachhaltigen Wert hat. Es spielt nicht auf Mitleid sondern ist authentisch, auch für Leser, die in das Thema Alzheimer nicht eingebunden sind. Ich würde schon beinah sagen, das Small World durchaus ein wenig die Angst nehmen kann, einmal in diese Situation zu geraten bzw. mit ihr konfrontiert zu werden.
Ich für meinen Teil konnte hier nichts beschönigendes oder gar abschätziges gegenüber der Krankheit finden, sondern eher genau das Gegenteil.
Im Anhang schreibt der M. Suter auch, das ihm zahlreiche Personen in gewissen Fragen zur Seite standen, das finde ich gut, denn mit gefährlichem Halbwissen, was manche Autoren leider auch ab und an verwenden, kann man falsche Bilder beim Leser schaffen.
.
In diesem Sinne möchte ich gerne eine Empfehlung mit 5 Sternen aussprechen.