Leser-Rezension zu „Die Gegenpäpstin” von Martina André
am 29.11.2011
Es ist selten, das ich ein Erstlingswerk erst nach der Rezension des zweiten Romanes eines Autors bzw. – hier – einer Autorin schreibe. In diesem Falle hole ich aber nur etwas nach, was ich sowieso seit Ende letzten Jahres auf die viel zu lange Bank geschoben habe, denn schliesslich hat mir dieses Buch die letzten Tage im Dezember 2007 versüsst und nur durch Zufall bin ich im Rahmen meiner Weihnachtseinkäufe auf das Erstlingswerk von Martina André gestossen.
Zugegeben, als Leser mit Hang zu theologischen Themen zog mich natürlich erst einmal der beschriebene Inhalt dieses Buches an, auch wenn die Autorin mir zunächst völlig unbekannt war – das tat aber dem obligatorischen Kaufzwang bei Büchern dieses Genres keinen Abbruch und was folgte, war die pure Begeisterung!
Auch wenn das Thema “weiblicher Apostel” jedem Erzkatholiken das kalte Grauen beschert, ist dieses Thema doch die zentrale Hypothese des Buches. Treffend erzählt aus Sicht von Maria Magdalena nach der Kreuzigung Christi und – abwechselnd – aus Sicht der Protagonisten in der Gegenwart zieht “Die Gegenpäpstin” den Leser von der ersten Seite her direkt in ihren Bann. Wer zunächst denkt, die Archäologie herrscht vor, wird schnell eines Besseren belehrt, da die zentralen religiösen Aspekte des Buches ebenso rasch die Oberhand gewinnen wie die quasi erzwungene Reise, auf die die Autorin die Gedanken des Lesers schickt – hier seien nur die Themen “Judentum”, “Götzenanbetung”, “Beginenorden” oder die Diskrepanz der eigenen Person, treffend durch das moralische Dilemma in Persona von Pater McFadden, eines irischen Priesters mit einer brutalen Vergangenheit, genannt.
Ein Priester, dessen früheres Leben in krasser Diskrepanz zum Kirchenamt steht, ein Professor, der sich mit den falschen Leuten einlässt oder eine liebenswerte Protagonistin, die zwar aus Israel stammt, aber nichts mit der jüdischen Religion (anders als ihr Vater, ein ultraorthodoxer Rabbi!) zu tun und – ganz im Gegenteil – noch die verrufene Position einer Archäologin inne hat sind die Ingredienzien, durch die Martina André – und ebenso “Die Gegenpäpstin” – zu überzeugen weiss. Die Handlungsstränge erstrecken sich unter anderem von Israel in der Vergangenheit und Gegenwart über das Bergische Land bzw. Köln bis hin nach Rom und lassen nahezu keine Verschnaufpause zu, da die Autorin permanent eine Spannung des sprichwörtlichen roten Fadens aufrecht erhält.
Martina André schreibt präzise und fesselnd, ohne die Handlung durch leere Aspekte unnötig auszubremsen – eine Retardation im eigentlichen Sinne gibt es nicht, die Autorin fesselt den geneigten Leser von Anfang an und schafft eine Integration, die für ein Erstlingswerk gar meisterhaft anmutet – das gilt übrigens auch für die getätigte Recherchearbeit! Eins sei potentiellen Lesern jedoch von Anfang an gesagt : Die nötige Objektivität, sich auch einen weiblichen Apostel oder eben mehr vorstellen zu können, sei vorausgesetzt, um “Die Gegenpäpstin” fair beurteilen zu können. Ist dieser Grundaspekt nicht gegeben bzw. der eigene Horizont nicht für etwaige neue Erkenntnisse geöffnet, sollte um dieses zweifellos grandiose Werk ein grosser Bogen gemacht werden, denn nichts verdient dieses Buch weniger als eine subjektive Meinung aus Sicht eines vom Inhalt enttäuschten Menschen! Ich für meinen Teil glaube (und weiss), das wir von dieser Autorin aus dem Westerwald noch viel, viel Gutes lesen werden und ich freue mich einfach darauf!

