am 1.12.2010
Um die naheliegendste Frage zuerst zu beantworten: Ja, der Roman ist genauso schrill wie sein Cover. Vielen Leuten zu schrill, zu schräg, zu überfrachtet. Alles ist übertrieben, jeder Charakter ein Comickonzentrat, jede Situation bis an die Grenzen überspitzt – und darüber hinaus. Beispiel gefällig?
Joan Fine, die retortengezeugte Tochter einer feministischen Nonne, jagt in der Kanalisation einen genmanipulierten weißen Hai namens Meisterbräu. Ihr Ex-Mann, Multi-Milliardär Harry Gant, baut einen neuen Turm zu Babel und wird von Ökopirat Philo, der als Kind von Amischen adoptiert wurde, mit seinem Piraten-U-Boots namens Yabba-Dabba-Doo bekämpft.
Zu viel? Oder mehr?
Als Nebenfiguren lernen wir einen Volkswagen-Käfer kennen, in dem der Geist des Anarchisten Abbie Hoffman weiterlebt, einem Eskimo namens Neunundzwanzig-Wörter-Für-Schnee und Kite, eine einarmige 160-jährige Frau, die als Mann verkleidet schon 1860 im amerikanischen Bürgerkrieg gekämpft hat.
Die zweite Frage wäre dann wohl: Soll man das lesen? Oh ja, auf jeden Fall. Es ist eines der lustigsten und unterhaltsamsten Bücher, die ich kenne, und seit seinem Erscheinen eines meiner Lieblingsbücher. Eine abstruse Trashhandlung auf sprachlich hohem Niveau mit unzähligen literarischen Anspielungen. Manche Literaten treten sogar gleich persönlich auf: Ayn Rand als Hologramm und ein Marihuanafarmer namens Tom Pynch, der eine Känguru-Stampede erdulden muss. Dazu immer wieder Verweise auf Klassiker: Ein Roboter ermordet seinen Schöpfer wie in „I, Robot“ von Isaac Asimov oder ein Hai wird durch die Kanalisation gejagt wie einst Alligatoren in „V“ von Thomas Pynchon.
Matt Ruff ist ein unglaublich vielseitiger Autor. Sein erstes Buch „Fool on the hill“ verlegte „Herr der Ringe“ an ein amerikanisches College, und „G.A.S.“ ist ein wilder Mix aus den besten Zutaten der Science Fiction. In „Ich und die anderen“ beschreibt er das abenteuerliche Leben von zwei Menschen mit multiplen Persönlichkeiten und zwar wesentlich sensibler, als es nach den ersten beiden Büchern zu erwarten gewesen wäre. In "Bad Monkeys" erzählt eine Frau von ihrer Mitgliedschaft in einer Geheimorganisation. Aber ist wirklich alles so, wie sie es berichtet? Doppelbödig und schwindelerregend.
Lohnt sich für jeden, der auf der Suche nach neuen Lieblingsbüchern ist.


