Rezension zu "Schluss mit dem Bildungsgerede!" von Michael Felten

Neuer Beitrag

capkirki

Vor 1 Jahr

(4)

Ein Buch über echte Schulbegeisterung!

Weg von der elenden Strukturdebatte, den nutzlosen Reformfloskeln und Schulamtsblättern, hin zu klaren Verhältnissen im Klassenzimmer!
Hier spricht kein abgehobener Vertreter eines Bildungsministeriums, hier spricht der Pauker selbst. Ein Lehrer, der sich noch als Schulmeister versteht und Klartext redet. Auch wenn in den letzten Jahren viel - zu viel - über die Bildungsmisere in Deutschland gesprochen wurde und über die "Dauerbaustelle Schule", es ist doch etwas ganz anderes, wenn man die Ansichten Feltins liest. Ein frischer Wind, der durch miefige Amts- und Schulstuben weht.

Felten erklärt uns, wieso man auf "hohle Reformfloskeln pfeifen kann" wieso "die leidige Strukturdebatte eine Sackgasse und die euphorische Propaganda fürs selbstständige Lernen: ein Irrweg" sind.

"Die verdammten Bildungsreformer, diese Landplage, wollen die Lehrer abschaffen, die würden ja selbst Einstein nach Hause schicken, weil es undemokratisch ist, sich von Einstein Physik erklären zu lassen"

Was sich da in deutschen Amtsstuben überlegt wird, hat wenig mit der Realität an deutschen Schulen zu tun und führt auch nicht dazu, dass sich die Verhältnisse zum Besseren ändern. Der Schulmeister macht die für mehr Verantwortung für den Lehrer stark!

"Ein guter Lehrer, das ist jemand, der seinen Schülern nicht nur die Hand bietet, sondern auch die Stirn. Man kann jungen Leuten gegenüber so tun, als sei Disziplin nicht wichtig im Leben, aber das wäre unfair. Sie wollen gar nicht frei sein - sie wollen herausgefordert werden, damit sie nachher stark sind." - "Heutige Schüler brauchen als Lehrer vielmehr 4B Typen: Beim Lernen ein freundlicher Begleiter, aber auch ein Brückenbauer in neue Wissenssphären, bei Lernmühen bisweilen eine Bürde und bei Lernrevolten gelegentlich ein Bändiger"

Kinder haben sich daran gewöhnt, dass Erwachsene viele Worte machen und wenig von ihnen erwarten. "Dabei wollen junge Menschen gerne etwas leisten, sie wollen gerne sozial sein. Sie merken sofort, wenn man ihnen wenig zutraut, das lähmt oder verstört sie, und dann stören sie eben selbst"
Majid sagte 2002 "Die Erwachsenen im Weste denken, dass sie alle Unannehmlichkeiten ertragen müssen, damit es den Kindern gut geht. Das Ergebnis sind Kinder mit zu wenig Verantwortungsbewusstsein" und genau da setzt der Autor an, man müsse die Kinder die Erfahrung machen lassen, dass sie mit harter Arbeit durchaus etwas erreichen können und dass es nicht immer lustig sein muss. Dass der Lehrer zwar ein Begleiter ist, motiviert, ermutigt und aufbaut, aber auch mal auf den Tisch hauen kann und zeigt, dass gewisse Handlungen auch Konsequenzen haben.

"Beim Thema Hausaufgaben z.B. könnte man sich manchen Kampf (und nachfolgende Verzweiflung) sparen - statt unablässiger Einladungen "Würdest Du bitte" oder penetranter Einsichtsappelle "Weißt du, das ist wichtig, weil" wären klare Spielregeln vonnöten. Einmal ist kein Mal, jeder vergisst schließlich mal was - dreimal aber ist einmal zu viel und dann wird nach dem Unterricht nachgearbeitet! Wer deutliche Erwartungen und Grenzen absteckt, muss auch nicht resignieren - und anschließend aus der Not eine Tugend machen und behaupten, Hausarbeit bringe doch sowieso nichts. Hausaufgaben sind keine Strafe, sondern eine Trainingschance - nur darf man nicht erwarten, dass Schüler Paradieswesen wären: Sie lernen - zumal in den (früher so genannten Flegeljahren - nicht nur wenn's interessant oder erfolgversprechend ist, sondern auch für gute Noten oder wegen der Anerkennung des Lehrers - oder um Sanktionen zu vermeiden"

Und auch die Eltern entlässt Felten nicht aus der Pflicht, nur gemeinsam mit den Eltern können die Lehrer das leisten, was die Kinder brauchen! In der elterlichen Haltung zum Lernen läge ein mindestens ebenso wichtiger Schlüssel zum Schulerfolg und Bildungsgerechtigkeit wie in der Anzahl der elterlichen Buchregale. (Amen dazu!)

"Lehrer können nicht übernehmen, was ureigenste Aufgabe der Eltern ist - aber sie sollten ihnen eben diese Obliegenheit selbstbewusst vor Augen führen. Die Generations Analyse von Michael Winterhoff besagt ja, dass Kinder heute zu wenig Reife in der Familie entwickeln - und dann sind sie natürlich auch nur begrenzt lernfähig. Zudem hat PISA etwas höchst Bedenkenswertes zutage gefördert, über das nur sehr laut geschwiegen wird. Deutschland Eltern nehmen sich weltweit am wenigsten Zeit, mit ihren Kindern über das Lernen zu sprechen, sich für Neuigkeiten zu interessieren, nach Fortschritten zu erkundigen, bei Problemen beizuspringen.

Das Buch hat nur 95 Seiten, aber jede einzelne ist lesenswert. Ich kann gar nicht zählen, wie oft ich beim Lesen gedacht hab: "Genauso müsste es sein."

Autor: Michael Felten
Buch: Schluss mit dem Bildungsgerede!
Neuer Beitrag