Leser-Rezension zu „Amnesie” von Michael Robotham
am 13.11.2011
Michael Robothams Debütwerk "Adrenalin" gehörte für mich zu den positivsten Neuerscheinungen der letzten Jahre im Genre des Psychothrillers, weshalb ich nun nicht umhin kam, auch das zweite Buch aus der Feder des Australiers zur Lektüre hervorzukramen. Zu meiner großen Freude wurde diese Suchaktion in meinem Bücherregal am Ende mehr als belohnt, denn auch "Amnesie" hat mich von Seite eins an gepackt und bis zum Schluss nicht mehr losgelassen. Und genau das ist es was ich von einem Buch mit dem Anspruch der Spannungsliteratur schließlich erwarte. Das Robotham diesen Spannungsaufbau anders erreicht als seine Genre-Konkurrenz, war nicht nur egal, sondern auch diesmal wieder sehr erfrischend.
Im Gegensatz zum Vorgänger "Adrenalin", in dem Professor O'Loughlin den Ich-Erzähler gab und Detective Inspector Vincent Ruiz nur eine Nebenrolle einnahm, wurden hier jetzt die Erzählerpositionen getauscht. Diesmal taucht der Leser in die Psyche von Ruiz ein, dessen Lebensgeschichte ausführlich dargelegt und im atmosphärisch wieder äußerst dichten Plot eingebaut wird. Dieser sei hier kurz angerissen:
Die Themse in London. Vincent Ruiz findet sich festgeklammert an einer Boje im dreckigen Fluss der englischen Hauptstadt wieder. Von dem was zuvor passiert ist, weiß er nichts mehr. Jegliche Erinnerung ist ausgelöscht. Ein in der Nähe angerichtetes Blutbad auf einem Boot soll von ihm begangen worden sein. Die Dienstaufsichtsbehörde scharrt mit den Hufen und rückt ihm auf die Pelle. In dieser heiklen Situation wendet sich Ruiz an seinen alten Freund, eben jenen Parkinsonkranken Professor O'Loughlin aus "Adrenalin", um mithilfe einiger Erinnerungsfetzen die Ereignisse der letzten Wochen zu rekonstruieren. Ein alter, für abgeschlossener geglaubter Fall um ein verschwundenes Mädchen scheint dabei der Schlüssel zu allem zu sein.
"Wie schön, dass wir einen brillanten Autor wie Michael Robotham entdecken dürfen", schreibt "Der Tagesspiegel" und dieser Aussage schließe ich mich vollends an. Wie derzeit kein anderer Autor schafft es der Australier mich in den Bann zu ziehen und trotz ereignisarmer Erzählweise, welche vorwiegend quasi im Rückwärtsgang erfolgt, bei der Stange zu halten. Nach und nach bringt Ruiz in bester Sherlock-Holmes-Manier die Dinge ans Licht, setzt er seine Erinnerungen mithilfe penibler Recherchen und Befragungen langsam zusammen. Als Leser ist man hier in der interessanten Position, auf demselben Wissenstand wie der Protagonist zu sein und somit quasi mit ihm das Geheimnis zu lösen.
Schießereien, blutüberströmte Leichen, Verfolgungsjagden und Sex? Im Vergleich zur platten Genrekonkurrenz hier eher Mangelware und nur wohldosiert. Vielmehr überzeugt Robotham mit einfühlsamer Schreibweise und einer durchweg gespannten Atmosphäre, in der man Verrat und Gefahr hinter jeder Ecke vermutet. Trotz all der Detailliebe muss das Tempo bei "Amnesie" nicht leiden, was im Hinblick auf den schon tollen Vorgänger eine erhebliche Verbesserung darstellt. Auch die Figur Ruiz muss sich hinter O'Loughlin nicht verstecken. Dem eisenharten, oftmals unglücklich handelnden Cop folgt man nur zu gern bis in die Kanalisation Londons hinein, welche in dem äußerst intelligenten Plot, ohne damit zu viel zu verraten, eine wichtige Rolle zu spielen scheint. Lediglich das meiner Meinung nach etwas einfallslose Finale trübt das Bild, ohne den Gesamteindruck aber erheblich zu schmälern.
Insgesamt ist "Amnesie" ein kurzweiliger, spannender und einfach klasse erzählter Psychothriller, der mit dem etwas anderen Plot aufwartet, den man unter der Masse des hirnlosen Mainstreambreis so oft vergeblich sucht. Hoher Unterhaltungswert, toll konstruiert. Auf den dritten Band darf gespannt gewartet werden.

