Der Autor nimmt den Leser regelrecht an die Hand, liebevoll gängelnd, und führt in direkt in die übelste Gosse im London um 1875 bis ins Zimmer einer billigen Hure und macht ihn nach und nach mit bedeutenderen Persönlichkeiten bekannt, wie der besseren Hure Sugar und dem dandyhaften und nichtsnutzigen Parfumhersteller-Erben Henry Rackham, der aufgrund seiner Faulheit von seinem stinkreichen Vater so lange nicht mehr finanziell unterstützt wird, bis er sich endlich dazu bequemt, Verantwortung in der Firma zu übernehmen. Doch er sonnt sich lieber in seinem Selbstmitleid und hochtrabenden nie verwirklichten Romanen, die er schreiben will. Nachdem man ihm also seitenweise beim lamentieren zuhören durfte, wird man dann endlich vom Autoren vertröstet: "Falls du es vor Langeweile nicht mehr aushältst, kann ich dir nur das Versprechen geben, dass sehr bald schon Fickszenen kommen werden. Von Wahnsinn, Entführung und gewaltsamem Tod ganz zu schweigen."
Und in der Tat: William geht einem gewissen männlichen Bedürfnis nach, landet in einem miesen Bordell, wird dort zu seiner Unzufriedenheit bedient und wird an eine gewisse Sugar weiterverwiesen, denn die macht angeblich ALLES...
Beim ersten Zusammentreffen mit dieser Sugar stellt er sich nun wahrhaft dämlich an, und Sugar ist auch keineswegs eine Schönheit: groß, dürr, flachbrüstig, schuppige Haut, aber sie ist wahnsinnig sachlau und weiß was die Kunden wollen. William verfällt ihr mit Haut und Haar und möchte sie ganz allein für sich haben. Beschließt deswegen, das Geschäft seines Vaters zu übernehmen, um genug Geld zu haben, um sich Sugar regelrecht zu "kaufen".
Ansonsten ist William ein Riesenidiot, seine Bediensteten verachten ihn, seine Frau hat gehörig einen an der Klatsche (wird seid frühester Kindheit krankgepflegt, ist ein selten naives asexuelles Wesen, der niemand irgendetwas über die Menstruation oder über die Fortpflanzung erklärt hat. Sie kriegt noch nicht mal mit, daß sie selbst schwanger ist und verleugnet ihre eigene Tochter), sein Bruder ist ein religiöser Eiferer, der von seinen ach so niederen animalischen Instinkten gequält wird, seine Tochter wird irgendwo im Haus weggesperrt und nicht weiter beachtet...
Sugar ist eine der coolsten literarischen Figuren, die ich jemals gelesen habe. Von der eigenen Mutter zur Prostitution gezwungen und bereit den Männern jeden Wunsch zu erfüllen, hat sie einen riesigen Hass auf die Männerwelt und die gehobene Gesellschaft und schreibt an einem Roman, in dem sie sämtliche ihrer Freier auf bestialische Art und Weise umbringt.
Als Williams Privatkurtisane mit einer eigenen Wohnung ausgestattet, spioniert sie der Familie Rackham hinterher, um ihren William mehr und mehr um den Finger zu wickeln und zu manipulieren und so gerät sie auch mehr und mehr in die Rackhamschen Familienangelegenheiten hinein. Williams verrückte Frau hält Sugar für ihren Schutzengel, Sugar wird zur unentbehrlichen geschäftlichen Beraterin Williams.
Als Sugar sich dann auch noch als Gouvernante für Williams Tochter einstellen lässt und somit zum Teil der Familie wird, nimmt das Unheil seinen Lauf...
Alles in Allem ein vorzügliches Sittengemälde des viktorianischen England, bei dem vor allem die Bigotterie der Gesellschaft auffällt, mit der dem Thema Sexualität umgegangen wird. Die Damen der vornehmen Gesellschaft sind diesbezüglich absolut unwissend, während die Männer wild in der Gegend rumvögeln und idealistische Damen vom Frauenrettungsverein vergeblich versuchen, die "gefallenen Frauen" von der Straße wegzukriegen.
Das ganze ist vom Autor mit viel augenzwinkerndem Abstand und Ironie verfasst und trotz des Themas bei weitem keine Aneinanderreihung von Fickszenen. Ganz im Gegenteil wird das Hauptaugenmerk auf die Psychogramme der Hauptpersonen (Sugar, William, seine Frau, seine Tochter, sein Bruder...) gelegt.
Am Ende des Buches wird man relativ abrupt aus der Geschichte geschubst, das Ende bleibt offen und ungeklärt und ist unter diesen Umständen vielleicht sogar ganz gut. So kann man sich im Kopf für Sugar verschiedene Happy-Ends wünschen, die es wahrscheinlich in Wirklichkeit nicht geben wird...