Zusammen mit Sonia reiste Lia nach London, Luisa sollte nachkommen, sobald es ihr möglich war. Zusammen wollten sie nach den fehlenden Seiten der Prophezeiung suchen und deren Ende einen Schritt näher kommen. Nun sind acht Monate vergangen und Luisa weilt noch immer in New York, Sonia und Lia trainieren ihre Fähigkeiten und üben andere praktische Sachen, Bogenschießen zum Beispiel. Doch derweil ist Alice' Macht um ein Vielfaches gestiegen, wie Lia zu ihrem Entsetzen feststellen muss. Ihre Zwillingsschwester kennt inzwischen mächtige Zauber und schert sich nicht um Regeln oder Gesetze. Bereitwillig überschreitet sie die Grenzen, immer mit dem Ziel, Lia den Seelen und somit auch Samael auszuliefern. Als endlich Luisa in London eintrifft, machen sie sich sofort auf den Weg nach Altus, wo Lias Großtante lebt und das Geheimnis der fehlenden Seiten bewahrt. Doch schon auf dem Weg muss sie feststellen, dass auch die Selen vor nichts zurückschrecken und im Grunde jeder ein Verräter sein könnte - ganz zu schweigen davon, dass der mysteriöse Dimitri sie ganz aus dem Konzept bringt. Wenigstens erweist er sich als fähiger Beschützer, denn: Der Weg ist lang und das Untier schläft nicht.
Es sei schon vornweg gesagt, dass der zweite Teil der Trilogie schwer enttäuscht. Durch das ganze Buch hindurch gibt es immer wieder Punkte, die ärgern und stören und den Lesegenuss praktisch unmöglich machen.
Mein damals noch größter Kritikpunkt war die Sprache, die bei Teil 1 nicht immer ganz astrein war - dies trifft auch auf Band 2 zu, doch letzten Endes ist es hier nur das geringste Übel und soll nicht weiter ausgebreitet werden.
Es fängt schon damit an, dass Lia und ihre Mitstreiter genau wissen, dass ihnen die Zeit davon läuft und trotzdem verschanzen sie sich acht Monate lang in London. Dass Lia nicht einfach aufbrechen kann, um zur Schwesternschaft zu spazieren, ist klar - das wäre auch viel zu einfach. Dennoch ist es verwunderlich, dass Luisa es nach acht Monaten noch immer nicht geschafft hat, sich einen Grund einfallen zu lassen, um ohne großes Aufsehen zu verschwinden. Selbst als sie es tut, war es überstürzt. Und warum die anderen nicht eher erkannt haben, wie ernst die Lage ist - was auch vorher bekannt war, aber scheinbar brauchten sie fast ein Dreivierteljahr, um es wirklich zu begreifen - und endlich loslegen, bleibt ebenso rätselhaft.
Grundsätzlich wären kleine Erinnerungen auch nicht schlecht gewesen. So muss der erste Band inhaltlich noch recht genau im Kopf sein, ansonsten werden einige Dinge nicht ganz klar werden. Große Verständnisprobleme bleiben zwar aus, aber ein bisschen Hilfe wäre nicht schlecht gewesen.
So geht die Geschichte also langsam ihren Gang und schon zu Beginn ist festzustellen, dass Alice erneut kaum beleuchtet wird - dabei ist es nicht so, dass Lia keinen Kontakt zu ihr haben könnte. Dieses Ungewisse wurmt ein wenig, wenngleich es in Teil 2 zugegebenermaßen noch weniger möglich ist, Alice etwas klarer erscheinen zu lassen. Allerdings fehlt dem Buch damit etwas, zum Beispiel weitere Informationen. Relativ bald wird erwähnt, dass James sich erst einmal von Lia losgelöst und Alice sich ihm als Freundin (im platonischen Sinne, wie sie meint) anbietet. Dies ist ein Punkt, der mit Interesse beibehalten wird ... und gerne auch verfolgt werden würde, aber das war's davon auch schon wieder. Stattdessen kriegt Lia einen neuen Mann an die Seite gepackt, in den sie sich natürlich auch verliebt. Anfangs verschwendet sie keinen Gedanken mehr an James, obwohl seine Loslösug sie traurig stimmte. Später aber ist James wieder ein Thema und es wird nicht direkt klar, warum auf einmal.
Ohnehin wirken Lias Gefühle oftmals unlogisch und willkürlich - jedenfalls ist es dem Leser kaum möglich, ihren Gedankengängen zu folgen. Da gibt es Szenen, in denen sie auf eine andere Figur furchtbar wütend ist, während sie sich selber immer wieder sagt, dass diese nichts dafür kann. Irgendwann freut sie sich auch, diese Person wieder zu sehen, lacht mit ihr, umarmt sie, aber auf einmal ist da diese Wut wieder da, und warum? Kann mit dem Text leider nicht beantwortet werden. Anderes Beispiel: Sie hat einen Streit mit Dimitri, er verteidigt sich und interessanterweise beruhigt sie genau das, was er getan hat, wieder. Zwar vielmehr das Warum, aber dieses war ihr auch schon vorher bekannt. Wo steckt da der Sinn?
Es gibt noch einige Beispiele mehr und diese sorgen dafür, dass Lia und ihr Gefühlswirrwarr furchtbar nerven, was insofern ungünstig ist, da Lia nun einmal die Hauptperson ist und die Geschichte erzählt. Es zieht die Geschichte unnötig in die Länge, lässt Lia an manch einer Stelle sehr selbstverherrlichend wirken und erschwert das Lesen ungemein. Es stockt keineswegs - trotz allem lässt sich der Text flüssig und relativ schnell lesen. Aber ein wirklicher Genuss wird es nicht, dafür sorgen etliche Seufzer des Entnervtseins und Stirnrunzler.
Leider lässt auch die Handlung etwas zu wünschen übrig. In London verweilen die Mädchen glücklicherweise nicht allzu lang, auch wenn dadurch interessante Aspekte wie die Magie zu kurz kommen. Dafür zieht sich die Reise nach Altus viel zu sehr in die Länge, genauso wie der Aufenthalt dort. Letzten Endes soll das zweite Buch aus der Suche der fehlenden Seiten bestehen - und direkt dafür wurde gerade mal das letzte Viertel verwendet. Das ist viel zu wenig, die Suche ist viel zu einfach. Nachdem Lia bezüglich des Aufenthaltsortes der Seiten erneut ein Rätsel auferlegt bekam, war etwas mehr Verwirrung und eine spannende Suche zu erwarten, aber am Ende zeigte sich: Das Rätsel war nicht wirlich ein Rätsel und recht schwach dafür, dass womögliche Lauscher nichts über den Ort herausfinden sollten. Im Grunde hätte jeder von Altus die Seiten finden können, hätte er oder sie mitgehört.
Im Vergleich zu Band 1 ist das eine reichlich schwache Leistung, wenngleich die romantischen Szenen ganz nett waren und der Aufenthalt in Altus auch interessante Dinge barg. Hinzu kommt, dass am Ende erneut einige Schwierigkeiten offenbart werden, die die Hoffnung auf ein spannendes Finale wecken - trotz allem.
Für eine positive Bewertung reicht das aber nicht. Wer am Ende der Prophezeiung interessiert ist, sollte dieses Buch lesen, um eine Grundlage für Band 3 zu haben, der hoffentlich wieder besser wird. Wer sich über etwas unkonventionelle Romanzen (bezogen auf die damaligen Sitten) freut, wird auch des Öfteren schöne Szenen finden. Wer aber auf ein spannendes Buch hofft, das den Leser viel weiter in die Geheimnisse der Prophezeiung einführt, wird bitter enttäuscht werden.