Tango der Sinne
Ein bemerkenswertes Deutschlanddebüt hat Milena Agus in "Solange der Haifisch schläft" vorgelegt.
"Wenn ich es eines Tages schaffe, mich an den Tisch zu setzen und seine Exkremente zu essen, dann schwört er mir, daß er mich auch noch als alte Frau haben will."
So naiv berichtet die 18-jährige Ich-Erzählerin über ihre Affäre mit einem verheirateten Sadomasochisten und glaubt auch noch, es sei die wahre Liebe.
"Solange der Haifisch schläft" ist die Geschichte einer etwas verschrobenen, orientierungslosen und weltfremden, zugleich aber sehr liebenswerten sardischen Familie, deren Mitglieder sich alle verzweifelt an irgendwelche verkorkste Beziehungen und ihren diffusen Glauben an einen Gott klammern.
Irgendwie sind alle Familienmitglieder mehr oder weniger unglücklich, sei es nun die Tochter - eben jene Ich-Erzählerin -, ihr introvertierter Bruder, der die wahre Liebe nur in der Musik seines Klaviers zu finden meint oder aber die Mutter, eine zarte, unscheinbare, ängstliche und weltfremde Schönheit, die sich ins Malen überdimensionaler blauer Himmel flüchtet, der Vater - ein Frauenheld - der sein "Heil" als Entwicklungshelfer in Südamerika sucht und nicht zuletzt die rassige, vollbusige Tante, die zwar jede Menge Liebhaber hat, diese aber nie für längere Zeit halten kann.
Die "Helden" des Romans können in gewissem Sinn alle als "gestört" bezeichnet werden. Aber ihre unverblümte Direktheit und Naivität macht sie wiederum sympathisch und liebenswert. Sie schließen sich dem Leser sofort ins Herz mit ihrer emotionalen Zerbrechlichkeit und Sensibilität, ihrem starken Idealismus. Sie sind leidenschaftlich und hungrig, teilweise moralisch völlig skrupellos, manchmal gleichgültig ihrer Umgebung gegenüber, oft stumm und zerstreut und immer völlig frei von Konventionen.
Dabei geht es allen mehr oder weniger traurig-tragischen Handelnden in diesem Buch nur um eines: das unbändige Verlangen nach der wahren Liebe.
Das mag erst mal nicht sonderlich originell zu sein. Schon viele Autoren haben sich diesem Thema angenommen.
Doch in Milena Agus' Geschichte liegt etwas Besonderes, vielleicht auch an der Art, wie sie diese Geschichte erzählt.
Solange der Haifisch schläft ist ein bizarrer, berührender und verblüffender kleiner Roman, der auf der einen Seite Wärme und Frische offenbart, auf der anderen Seite jedoch eine erstaunliche Fähigkeit, den Leser zugleich bis ins Mark zu treffen, "bis zu dem Grad, an dem es wehtut".
Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass Situationen nicht unbedingt geändert werden müssen, sondern auch hartnäckiger Optimismus kann das Leben schöner erscheinen lassen:
"Und ich begriff, dass dies der richtige Moment war, um zu fliehen. Ich merkte, dass dies die richtige Idee war, und dass der Haifisch jetzt schlief. Und in diesem Moment sah ich eine Lücke zwischen seinen Zähnen, schlüpfte hindurch, glitt auf den Sand und ließ mich von der sanften Strömung des Meeres mitziehen."
Mit ihrem Deutschlanddebüt hat Milena Agus eine ganz besondere Stilart des Schreibens vorgelegt. Gleichermaßen delikat und energisch, Schritt für Schritt, konzentriert, ohne Schnörkel und besonderer "Ärmeltricks" sowie mit teilweise stoischer Gleichmäßigkeit und mitunter schockierender Direktheit erzählt sie uns die Geschichte der Familie Mendoza aus Sardinien.
Und dabei ähnelt ihr Geschriebenes ihr selbst: Milena Agus ist diskret, nahezu bescheiden und doch auf ihre Weise exzentrisch. Geboren in Genua in eine Familie, die "sardisch seit dem Paläolithikum" ist, wie sie witzelt, war sie bis dato völlig unbekannt.
Doch anlässlich ihres vorgelegten Debüts sollte dies bald der Vergangenheit angehören, denn diese Frau hat zweifelsohne Talent.
Solange der Haifisch schläft offenbart eine wunderbare, reine Erzählkunst, die Dank der hervorragenden Übersetzung von Annette Kopetzki unverfälscht und authentisch dem deutschsprachigen Leser übermittelt wird.
Ein Roman wie ein Tango, mit sehr traurigen und ansteckend heiteren Momenten, voller Vitalität, doch ganz frei von Pathos.