Der Name Mo Yan war mir bis vor ein paar Wochen unbekannt, da las ich zufällig ein Interview mit dem japanischen Schriftsteller (Nobelpreisträger) Kenzaburo Oe, in dem er eindeutig deklariert, dass er, wenn er den Nobelpreis für Literatur vergeben dürfte, diesen Preis an Mo Yan vergeben würde.
Für mich Grund genug, einen Roman von Mo Yan zu lesen.
Schon nach wenigen Seiten ist klar, dass man hier mit einem absolut eigenständigen, virtuos-verrückten literarischen Werk zu tun hat.
Der Sonderermittler Ding Gou’er wird in die Schnapsstadt Jiuguo geschickt, da sich in der Hauptstadt Gerüchte breit machen, dass in dieser entlegenen Stadt dekadente Parteibonzen kleine speziell gemästete Fleischkinder kulinarisch exquisit kochen lassen.
Kaum in Jiuguo angekommen, beginnt Ding Gou’er in dieser hochprozentigen Welt des Wahns den Boden unter den Füssen zu verlieren.
Parallel dazu lässt Mo Yan einen jungen Möchtegern-Schriftsteller Briefe an einen berühmten Autor (der Mo Yan heißt) schreiben und lässt diesen auch jedes Mal eine Erzählung beilegen. Der berühmte Autor beantwortet diese Briefe auch immer und schickt die Erzählungen konsequent an das Volksblatt zur Veröffentlichung.
Dieser Grenzen zwischen diesem am Anfang penibel genau von der Geschichte Ding Gou’ers getrennten Briefwechsel und die Erzählungen des jungen Autors zerfallen mit Verlauf des Buches, so dass man (obwohl die äußere Form – also die Trennung von Roman, Briefwechsel und Erzählung – aufrecht erhalten bleibt) gegen Ende des Romans merkt, wie geschickt hier Mo Yan weitere Wahnebenen erstellt und zusammengeführt hat.
Auch wenn Mo Yan manchmal zu ziemlich drastischen Mitteln greift, in seiner Schilderung einiger Alkoholexzesse und dem unschönen Tod des Protagonisten, so hatte ich nie das Gefühl, dass der Autor provozieren will oder billige Effekthascherei suche. Hier dient alles der Weiterentwicklung der Idee
Feine Symbolik, die man, auch wenn man vielleicht einige nur Landsmännern und Landsfrauen des Autors evidente Symbole und Metaphern aus Unkenntnis nicht ganz versteht, barocke Fabulierlust und eine schier ungebändigte Fantasie lassen diesen Roman, auch wenn er kleine Schwächen hat, zu einem in jeder Hinsicht berauschenden Erlebnis werden.
„Die Schnapsstadt“ ist ein virtuoser, wahnhafter Roman, eine glänzende Groteske, eine brillante Satire auf den allgemeinen Ausverkauf und der daraus folgenden Macht- und Geldgier im China der neunziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts. Ein Roman, der noch lange nachhallt. Ein Roman, dessen assoziative Bilder und Szenen sich festsetzen und nicht loslassen. Ein Roman, der sich dank seiner verrückt genialen Qualität nicht adäquat beschreiben lässt.
„Die Schnapsstadt“ war mein erster Roman von Mo Yan, die anderen Werke von Mo Yan werden folgen. Absolute Empfehlung.