Meise ist ein Arschloch. So viel sei über die Hauptfigur des Romans „Was kostet die Welt“ gesagt. Er ist einer dieser selbstgerechten Menschenhasser, die alles Alltägliche und Geordnete ablehnen, weil aus dem entstehenden Trott ja nichts außer Langeweile und Frustration entstehen kann. Bei seinen Eltern hat er das gesehen. Zu lange haben sie an ihrer Ehe festgehalten, bis am Ende nur noch Hass da war. Gerade sein Vater gehört zu den Menschen, denen Meise kein bisschen ähneln will. Ein verbitterter Mann, der nichts von der Welt gesehen, der sich nie etwas getraut, zu früh geheiratet hat und ebenso früh und grausam gestorben ist. Die Beschreibung des schnellen Verfalls eines Körpers gehört zu den besten Abschnitten des Buches, gerade weil es so abstoßend und erschütternd geschildert wird, wie ein Mann der nichts vom Leben hatte und sich kaputt gearbeitet hat, abstirbt.
Doch aus diesem Tod eröffnet sich die Prämisse der Handlung. Meise erbt. Etwa 15.000 Euro, die er so einsetzt wie es sein Vater niemals getan hätte. Er verreist monatelang in alle möglichen Ecken der Erde. Nach seinem langen USA-Trip, kehrt er nach Deutschland, nach Berlin zurück und sieht sich plötzlich wieder mit seinem Alltag konfrontiert, der nichts Spannendes zu bieten hat. Außerdem sind noch 1000 Euro des Erbes auf seinem Konto, die unbedingt noch für Reisen ausgegeben werden müssen. Er fährt schließlich ins Moseltal, für eine Woche auf den Winzerbetrieb von Flo, den er auf einer Party in New York kennengelernt hat. Von der Metropole ins Kaff.
Ex-Muff-Potter-Frontmann Nagel zeichnet in seinem zweiten Roman einen Anti-Helden. Einen von der Art, von der man hofft, das es der Autor nicht beabsichtigt hat, dass man ihm als Leser am Ende noch viel Sympathie entgegenbringt. Zu Beginn sind die inneren Hasstiraden, der Abscheu, die Meise in alle Richtungen seiner Umwelt loslässt, noch amüsant. Ja, man kann sich sogar gut mit ihm identifizieren, wenn er im Flugzeug über die anstrengende deutsche Touristin herzieht, man stimmt ihm zu. Man macht eben auch Erfahrungen mit nervigen Menschen, bei denen man nicht anders kann als ein bisschen Hoffnung in die Menschheit zu verlieren. In uns allen steckt ein bisschen Meise. Doch mit der Zeit wird die negative Einstellung Meises selber anstrengend. Seine latenten Neurosen, seine Bindungsangst, seine immer gleiche Art, das schlechte in den Langzeitbeziehungen zu sehen, seine asoziale Art, sein zunehmender Wille, alles zu zerstören, was er nicht als intakt hinnehmen will.
Meise ist der Prototyp eines Arschlochs. Wir wissen, dass er durchaus Gründe hat, so zu sein wie er ist. Aber anstatt sein zerstörtes Weltbild mit den guten Erfahrungen im Leben zu flicken, trampelt er als Großstadtmonster durch die ländliche Ereignislosigkeit. Und irgendwann fällt es schwer, Meises Monologe, seine Ich-Erzählung noch weiter zu verfolgen. Es strengt an, purer Beobachter dieser Verbitterung zu sein, die in vielen Punkten wohl der seines Vaters mehr ähnelt als es sich der Protagonist zugestehen will.
Meise, wenn ich der Vogel gewesen wäre, ich hätte dir auf den Kopf geschissen!