Der Roman “Der Glaspavillion” wurde von dem Autorenpaar Nicci French verfaßt, heißt im Original “Memory Games” und genau die spielen in diesem psychologischen Krimi auch zunächst eine sehr viel größere Rolle als der benannte Glaspavillion, den die Architektin Jane Martello quasi zum Dank für Jahrzehnte währendes Glück, glanzvolle und zusammenschweißende Momente und Zufriedenheit innerhalb der großen, angesehenen Familie ihrer Schwiegereltern erleben durfte.
Zum alljährlichen gemeinsamen Pilzesammeln und -essen versammelt sich die ganze Familie und auch Jane, die kürzlich von Claude Martello geschieden wurde und dennoch weiterhin in freundschaftlicher Beziehung weiterhin mit ihm und der gesammten Familie steht, nimmt an dem Treffen teil, beaufsichtigt aber den Baubeginn an besagtem Pavillion. Beim Ausheben der Erde für das Fundament finden die Arbeiter denn auch die Leiche der seit 25 Jahren verschwunden geglaubten einzigen Tochter Natalie, die einst Janes beste Freundin war.
Schnell stellt sich heraus, dass Natalie schwanger war und ermordet wurde und Jane stellt ganz privat Ermittlungen an, mit sich selbst immer im Zwiespalt, ob sie nun eigentlich so genau herausfinden möchte, wer der Mörder war und warum Natalie sterben mußte und ob ihre gemeinsame Zeit mit der Familie Martello und ihrem Mann Claude wirklich so friedlich golden und über alle Zweifel erhaben und integer war.
Von inneren Zweifeln getrieben, begibt sie sich in die Behandlung des Psychotherapeuten Alex, der Erfahrung mit Traumata, Rückführung durch Hypnose und partieller Amnesie als menschliches Hilfsmittel zur Verdrängung durch zu hohe emotionale Belastung hat.
Und es kommt, wie es kommen muß: Im Verlauf ihrer Sitzungen bei Alex wird Jane immer stärker klar und bewußt, wie die Beziehungen und Verflechtungen in der Familie Martello wirklich waren und die schonungslose Wahrheit zerbröselt ganz allmählich das glanzvolle Bild und läßt Jane zusammen mit dem gespannten Leser völlig neue Sichtweisen und Einblicke in das familiäre Geflecht der Familienbande erfahren, bis zu einem doch noch unerwartetem, aber nachvollziehbar logischem Finale und natürlich der Aufklärung, wer der Mörder war - und, warum der Buchtitel dann doch wieder eine tiefergehende Bedeutung hat, die nicht nur eine symbolträchtige ist.
Das soll angeblich der erste und eigentlich schwächste Roman des englischen Journalistenehepaares Nicci Gerrard und Sean French sein, die sich auf das Schreiben von Krimis spezialisiert haben, in denen die menschliche Psyche und deren Irrwege Vorrang vor der rein sachlich rationalen Aufklärung eines Verbrechens hat und mein ganz privater persönlicher erster “Frenchie”, dem ganz gewiß noch einige folgen werden.
Ich mag den Stil der beiden Autoren gut leiden, der den Leser zwar sanft führt, aber nie das eigene Denken abnimmt, der nicht zu schocken versucht, sondern hilft, zu hinterfragen und logische Erklärungen für menschliches Verhalten (auch im menschlichen Versagen in extremeren Situationen) zu finden, ohne oberlehrerhaft zu sein.
Empfehlenswert für alle Krimi-Fans, die einen Krimi oder Thriller nicht nur dann gut und spannend finden, wenn das Blut und die Hirnmasse noch nicht ganz auf den Buchseiten getrocknet ist.