"Will man Vögel identifizieren, so ist die Dämmerung dazu am besten geeignet, weil sie dann am lautesten sind. Der modernen westlichen Ornithologie zufolge singen sie, um ihr Territorium abzustecken oder zu behaupten, zur Balz, zur Stärkung der Arterkennung und sozialer Rangordnungen oder um auf Futterquellen aufmerksam zu machen. Der afrikanischen Tradition zufolge singen sie, um die Sonne zu begrüßen. Als er den Schreien der Rotbauch-Mohrenköpfe und Kongopapageien lauschte, dem Gezwitscher verschiedenster Nektarvögel, dem Gesang der Kanarienvögel und dem Trillern der Olivendrossel, kam Mr. Malik zu dem Schluss, dass wohl beide Erklärungen stimmten."
Mr. Malik lebt in Nairobi, er ist verwitwet und seine geliebte, aber immer noch nicht verheiratete, 29 Jahre junge Tochter Petula hat die Firma übernommen, so dass sich Mr. Malik nun um das kümmern kann, was er am liebsten tut: Vögel beobachten und an der wöchentlich stattfinden Vogelwanderung teilzunehmen. Jeden Dienstag fiebert er diesem Ereignis entgegen, jedoch sind es nicht nur die Vögel, die sein Herz höher schlagen lassen, auch die Leiterin, Rose Mbikwa, interessiert ihn sehr. Doch Malik ist zu schüchtern um ihr seine Gefühle zu gestehen.
Ein uns unbekannter Erzähler berichtet uns von den Ereignissen über Rose, Mr. Malik und Harry Khan, den ungeliebten Schulkameraden Maliks, der zum ungelegensten Zeitpunkt überhaupt, nach Kenia zurückkehrt. Da Khan ein Schürzenjäger par excellence ist, bleibt auch Rose nicht verschont und so kündigt er im Asadi Club an, Rose zum alljährlich stattfinden Nairobi Hunt Ball einzuladen. Malik ist geschockt und wendet ein, dass er bereits vorhatte, sie zum Ball einzuladen und so entsteht eine äußerst ungewöhnliche Wette der Gentlemen von Kenia.
"Aber heute war er nicht gekommen, um sich zu erinnern, er war der Vögel wegen hier. Mr. Malik verließ den Friedhof und spazierte zurück in den Park. Er setzte sich auf eine Betonbank neben dem Brunnen, und binnen zwanzig Minuten hatte er siebzehn neue Arten gesehen. Darunter einen Schneeballwürger, einen Schmetterlingsastrild (der umwerfend aussah in seinem lapislazulifarbenen Gefieder) und einem kleinen Schwarm Bandfinken. Wieso, fragte er sich, während er die gemischte Gruppe aus Männchen und Weibchen beobachtete, trug diese Art eigentlich ihren Namen, wo doch nur die Männchen das blutfarbene Band um den Hals trugen? Andererseits gab es viele Vogelarten, deren Namen sich lediglich nach einem Geschlecht richteten,und zwar meistens nach dem männlichen. Zumindest bei den Vögeln scheinen die Männchen mehr Wert aufs Äußere zu legen. Sie waren auch die enthusiastischeren Sänger. Erst hörte und dann sah er einen kleinen dunklen Vogel, der auf einem hohen Bambusbusch hockte. Gegen den strahlenden Himmel sah er eher tiefschwarz als dunkelblau aus, aber die roten Beine waren unverwechselbar. Eine Rotfuß-Atlaswitwe, und er wusste, dass es ein Männchen sein musste, denn das Weibchen trug ein völlig anderes Gefieder, eher wie ein weiblicher Spatz. Ein ungewöhnlicher Pfiff zog seine Aufmerksamkeit auf sich. War das etwa der typische Zweitonruf des Graustirnwürgers? Den hatte er in der Stadt noch nie gehört."
Malik und Khan treten in einen Wettkampf, wer innerhalb einer Woche die meisten Vogelarten in Kenia findet, darf Rose Mbikwa einladen. Es werden strenge Regeln erstellt und jeden Abend müssen die Kontrahenten ihre „Ausbeute“ der Jury vorstellen. Malik, eher schüchtern und konservativ, ahnt nicht, dass diese Woche viele Abenteuer für ihn bereit hält, dafür hofft er, dass Khan die dunklen Geheimnisse der Schulzeit vergessen hat. Welcher Gentleman wird schließlich Rose zum Ball einladen, wer sieht die meisten Vögel, welche Strategie ist die beste für diese außergewöhnliche Wette und wird Rose je davon erfahren?
„Kleine Vogelkunde Ostafrikas“ ist ein sehr ruhiges, warmherziges und einfach lesenswertes Buch, gerade weil es so ruhig und charmant geschrieben ist. Jedes Kapitel trägt den Namen eines Vogels, der mit einer kleinen Zeichnung auch dargestellt ist, jedoch erfährt der Leser in diesem Buch nicht wirklich viel über die Eigenarten dieser Tiere, es ist ja auch kein Sachbuch, vielmehr erfährt man überhaupt von der Existenz von Vögeln, die wunderbare Namen wie Elsterschabe, Schneeballwürger, Riesenturako oder Kräuselhauben-Perlhuhn tragen. So wünscht man sich fast, sich umgehend der Führung von Rose Mbikwa anschließen zu können, um diese sympathische Frau kennenzulernen, ebenso wie den immer hilfsbereiten Mr. Malik, aber vor allem, um diese wunderschönen Tiere einmal live zu sehen.
Das Buch von Richard Drayson ist aber vor allem eines – very british. Immer wieder blitzt britischer Humor und britischer Lifestyle durch. Die Riege der Gentlemen im Asadi Club, die Vogelbeobachtungen und vieles mehr zeigen noch postkolonial erhaltene Besonderheiten auf, denn auch wenn das Buch in der Gegenwart spielt, so findet man überall noch britische Gepflogenheiten.
Es macht alles in allem sehr viel Spaß, Mr. Malik auf seinen Vogelexpeditionen zu begleiten, mehr über sein Leben und seine Geheimnisse zu erfahren und natürlich drückt man ihm, dem fairen, netten Mr. Malik kräftig die Daumen für die Wette. Nebenbei passiert natürlich das ein oder andere Unvorhergesehene, das diese wunderbare Geschichte abrundet und zu einem Lesevergnügen der ruhigen, aber ganz besonderen, Art macht. Draysons Schreibweise berührt, was auch in der Übersetzung nicht verlorengeht!
Wer die Bücher von Alexander McCall Smith mag, wird „Kleine Vogelkunde Ostafrikas“ lieben.