Eine Liebe mit Hindernissen in Tasmanien
Nicholas Shakespeares Roman „Sturm“ ist ein beeindruckender Lesestoff. Die Entwicklung der Liebe von Merridy und Alex ist spannend und auf den 542 Seiten großteils überzeugend erzählt.
Alex (dessen Eltern früh durch einen tragischen Unfall ums Leben gekommen sind) trifft Merridy (deren Bruder vor vielen Jahren fast spurlos verschwunden ist und der vermeintlich tot ist), eine Verwandte seiner Verflossenen Tildy und verliebt sich in sie.
Ray Grogan, der berüchtigte Stadtcasanova bemüht sich um Merridy, sein Werben endet aber mit einer schmerzenden Niederlage.
Das und die beiden dunklen Ereignisse im Leben von Merridy und Alex sind die Keimzellen dieses Romans.
Tildy heiratet Ray, Merridy heiratet Alex und während Tildy sofort schwanger wird, scheint es Merridy und Alex nicht vergönnt zu sein, Kinder zu bekommen.
Nicholas Shakespeare entwickelt das Innen- und Außenleben seiner Protagonisten auf beeindruckende Weise, vor allem die unterschiedlichen Wertvorstellungen der beiden Paare werden schön vorgeführt. Die trügerische Kleinstadtidylle am Ende der Welt in Tasmanien, Tildys und Rays Ehe, die von Tildys regelmäßigen Schwangerschaften und Rays Erfolg als Immobilienmakler sowie seinen unzähligen Affairen geprägt ist, wie auch Merridys fleißige und bald auch erfolgreiche Austernzucht als Flucht vor der Tristesse und der auf fast jeder Seite spürbar stärker werdenden Unsicherheit ihrer Liebe zu Alex liefern eine perfekte Kulisse zu dieser vermeintlich ungetrübten Liebesgeschichte; bis Merridy und Alex in einem verheerenden Sturm einen jungen Mann vor dem Ertrinken retten.
Durch den jungen Kish (dessen Vergangenheit scheinbar krimineller Natur ist) brechen unterschwellige Ängste und Sehnsüchte aus, dadurch gewinnt der Verlauf der Geschichte auch rapide an Spannung und Tempo, bis alles wie ein Kartenhaus in sich zusammenbricht.
Nicholas Shakespeare entwickelt seinen Roman auf unterschiedlichen Ebenen, was sich spannend liest, auch wenn einiges durch die für meinen Geschmack zu perfekte Konstruktion (nichts bleibt unverbunden und unaufgelöst; sogar der in der Schulzeit von Alex im Auftrag von Ray gedemütigte Mitschüler taucht knapp vor dem Höhepunkt des Romans auf und erteilt Alex die Absolution und erlöst ihn somit von seinem schlechten Gewissen) vorhersehbar wird. Die Dialoge waren mir ein wenig zu oft einfach flapsig und klischeehaft, was möglicherweise aber auch der Übersetzung anzurechnen ist.
Die Idee, immer wieder konsequent mit den Geschehnissen scheinbar unverwandte Zeitungsausschnitte in den Text einzufügen ist vielleicht nicht die Neuheit schlechthin (man erinnere sich an den Springschnur hüpfenden und zählenden Jungen in Peter Greenaways Film „Drowning by Numbers“), bricht den Fluss des Romans aber jedes Mal schön auf und ist eine Bereicherung der Erzählperspektiven.
Fazit: ein wirklich spannender, schön geschriebener Roman, ein wahrer Page-Turner, bei dem man einiges über Australien und Tasmanien, und noch mehr über die Austernzucht lernen kann. Eine etwas neurotische aber doch sympathisch überzeugende Liebesgeschichte, der man gerne folgt.
So ist „Sturm“ anspruchsvolle Unterhaltung im besten Sinne des Wortes.