Leser-Rezension zu „Sibirische Erziehung” von Nicolai Lilin

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Verfasst von Leserrezension2010
am 25.08.2010
 

A Sibirische Erziehung von Nicolai Lilin Kategorie: Allgemein

Rezension zu Sibirische Erziehung" von Nicolai Lilin

Auwei, da hab ich mir ja eine Aufgabe ausgesucht: Ich hoffe, ich kann mit meiner Rezension diesem gewaltigen Buch gerecht werden.
Nicolai Lilin wurde 1980 in Bender in Transnistrien geboren. Ich musste alles nachlesen, denn ich hatte bisher keine Ahnung, dass es ein solches Land gibt. Transnistrien steht für Gewalt, für die Existenz "Ehrbarer Kriminelle", die aus Sibirien stammen und von Rußland ins Exil geschickt wurden. Es sammeln sich da auch "Nicht-Ehrbare Kriminelle" aus Georgien, der Ukraine, Moldawien etc.. Und es ist ein Fluchtpunkt für viele Familien geworden, die mit ihren behinderten Kindern in Rußland nicht leben können und dürfen. Viele dieser Kinder sind behindert, weil sie durch die Russische Polizei missbraucht, zu Krüppeln geschlagen und auch als Kleinkind mitansehen mussten, wie die Eltern vor ihren Augen abgeschlachtet wurden.
So, ich denke spätestens hier werdet Ihr verstehen, warum es mir schwerfällt, über dieses Buch zu schreiben. Das Lesen ist nicht schwer, 2x musste ich das Buch allerdings aus der Hand legen, weil mir schlecht wurde, der Autor, inzwischen 30 Jahre alt und in Italien lebend, versucht uns unparteiisch und auch vielfach mit Humor seine Erfahrung und Kindheit zu erzählen, in der es um alte sibirische Regeln und Moral geht: Kinder, Frauen, Alte, Behinderte und Tiere werden verehrt, Geld ist dreckig, das lehnt man ab. Geld wird benötigt, um Waffen zu kaufen und Ikonen, das ist wichtiger als Nahrung und Kleidung. Wird eine Regel verstossen, gibt es festgelegte Strafen. Man wehrt sich der Unterwerfung der Russen und rächt Ungerechtigkeit.
Schnell wird man in den Bann gezogen, und oft war ich völlig entsetzt, denn es handelt sich nicht um Beschreibungen aus dem 1. oder 2. Weltkrieg, sondern es geht um eine Zeit, in der ich einige tausend Kilometer entfernt eine behütete und sorglose Kindheit verbrachte, während der Autor fast täglich blutige Strassenkämpfe überleben musste, selbst Menschen gefährlich verletzten musste, nur um selbst zu überleben.
Man sitzt wirklich völlig ratlos und ensetzt und versteht, warum Robert Saviano (Autor von "Gomorrha", enthusiastischer Empfehler dieses Romans) schreibt: "Wer dieses Buch lesen will, muss die Kategorien von Gut und Böse, wie wir sie kennen, vergessen...."
Vor allem, was bleibt Kindern denn übrig, wenn sie in einer solchen Gesellschaft aufwachsen, nichts anderes kennen, keine Möglichkeit haben sich anders zu entscheiden.
In Transnistrien hat jeder 12 jährige Junge wenigstens einen Mordversuch, wenn nicht mehrere Morde hinter sich. Als Kinder landen sie im Gefängnis, wo sie von den russischen Wärtern vergewaltigt und anschliessend in der blutigen Pfütze liegengelassen werden.
Ich mag nicht weiter nacherzählen: Ihr sollt es möglichst zahlreich selbst lesen!!! Denn nur so kann aufgeklärt werden.
Sehr informativ übrigens die Kapitel über Tätowierungen, woher sie kommen, was sie bedeuten, welchen Zweck sie erfüllten. Sollte jeden interessieren, der mit Tätowierungen seinen Körper bedeckt!
Der Autor erkennt nach einem schlimmen Vorfall, dass Gewalt nichts ändert, ist im jugendlichen Alter ausgebrannt und völlig orientierungslos, sein "Großvater" kommentiert dies mit den Worten, er sei zu menschlich, um unter den Menschen zu leben...
Aber mit Achtzehn pocht Russland auf sein Recht den volljährigen Lilin als Eigentum der russischen Regierung in Anspruch zu nehmen: Das Buch endet... und beginnt.

Das Buch bekommt 5 Punkte, weil es heutzutage wichtig ist, dass Zeitzeugen berichten, den Mut haben den Mund zu öffnen und aufzuklären. Dieses Buch wird alle, die es lesen zum Nachdenken anregen, auch die Leute, die glauben, Religion verstanden zu haben, Moral beurteilen zu können. Ich möchte schliessen mit dem Zitat von Roberto Saviano: "Einfach nichts tun: nur lesen!"

 

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Nicolai Lilin

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