(c) Nicole Rensmann /Leseprobe, S. 14/15
Ellens Gänsehaut kehrte zurück, als sie Tina entdeckte, die an dem Türrahmen zum Wohnzimmer lehnte. Sie hatte geweint.
»Tina? Um Gottes willen, was ist passiert?« Als Antwort erhielt sie nur ein zittriges Schluchzen. »Was ist passiert?«, wiederholte sie ihre Frage. »Ist etwas mit deiner Familie?« Vielleicht war Tinas Oma gestorben, oder ihre Eltern hatten einen Autounfall gehabt. Aber daran wollte Ellen lieber gar nicht denken. Sie umfasste ihr Kinn, sodass Tina sie ansehen musste. Die Furcht in ihren Augen versetzte auch Ellen in Aufregung. »Sag mir bitte, was geschehen ist!«
»Sie ist weg. Sie ist weg! Oh, es tut mir so Leid!« Verzweifelt schlug Tina die Hände vors Gesicht und rutschte am Türrahmen hinab auf den Boden.
»Wer? Von wem redest du? Wer ist weg?«
Ellen blickte sich um. Es war so ruhig im Haus, eine seltsame, beängstigende Stille. Wo steckte Grain, Jennys Mischlingshündin, die nur von ihrer Seite wich, sobald Ellen nach Hause kam, und auch dann nur für wenige Minuten, um sich ein paar Streicheleinheiten abzuholen? Zu schnell kniete sie sich zu Tina hinunter und stieß sich das rechte Knie am harten Holzboden. Doch sie ignorierte den Schmerz, der durch ihr Bein schoss, und herrschte die junge Frau an: »Sag mir, was los ist! Ist Grain weggelaufen?« Ellen glaubte nicht, dass Grain jemals den Platz neben Jenny freiwillig verlassen würde. Sie erinnerte sich noch gut daran, wie sie Grain, eine Mischung aus Jack-Russell-Terrier und Dackel, in den Sommerferien vor drei Jahren aus dem Tierheim geholt hatten. Von dem Tag an waren Grain und Jenny unzertrennlich. Am ersten Schultag war es Ellen nur schwer gelungen, Grain davon zu überzeugen, nicht hinter Jenny her zu rennen. Den ganzen Vormittag hatte die Hündin jaulend an der Haustür gekratzt, bis Jenny endlich wieder nach Hause gekommen war. Im Laufe der Monate hatte sich Grain an die unumgängliche Trennung gewöhnt, wartete jedoch jeden Tag im Flur liegend.
»Wir haben …«, begann Tina stotternd und fuhr sich mit dem Ärmel ihrer Bluse über das nasse Gesicht. »Wir haben Verstecken gespielt. Und auf einmal war sie weg. Mit Grain. Einfach weg.«
»Mit Grain?« Ihr Herz schlug wild. »Du meinst Jenny? Jenny ist weg?« Ihre Tochter sollte verschwunden sein? Das war absurd!
»Ja, ich hab sie nicht mehr finden können. Sie ist wie vom Erdboden verschluckt!«
Vor Sorge um ihre Tochter, wurde Ellen schwarz vor Augen. Doch dann stellte sich Erleichterung ein. Jenny konnte nicht aus dem Haus verschwunden sein, vermutlich hatte sie sich in der alten Kohlenschütte versteckt und Grain ins Ohr geflüstert, ruhig zu bleiben. Die Hündin gehorchte Jenny aufs Wort.
»Hast du im Keller nachgesehen?« Ellen lächelte, ihr Herzschlag beruhigte sich. Als sie sich erhob, schien sich eine Pfeilspitze in ihr Knie zu bohren. Sie sog die Luft lautstark zwischen den Zähnen ein, dann ebbte der Schmerz ab. Nach der heutigen Premiere von »Romy & Julius« – eine moderne Inszenierung in Anlehnung an Shakespeares »Romeo und Julia« – fand jeden Samstag eine Aufführung statt. Ein schmerzendes Knie würde Ellen nur belasten.
Doch das war jetzt zweitrangig, zunächst wollte sie Tina beruhigen und Jenny finden. Irgendwo musste sie ja stecken. Was dachte sie sich nur dabei, Tina so einen Schrecken einzujagen?
»Komm hoch. Die zwei holen wir uns!«
»Ich habe überall gesucht. Wirklich.« Schwerfällig richtete sich Tina auf. »Im Keller und in der Kohlenschütte und im Kartoffelkeller, auch auf dem Dachboden, hinter dem lockeren Balken. Sie sind weg.« Überrascht riss sie die Augen auf. »Jemand ist gekommen und hat sie mitgenommen!«
Leseprobe S. 125
Unauffällig bewegten sie sich durch die Stadt, drängten sich durch die Menschenmassen, die auf dem Marktplatz um ihre Waren feilschten.
Die Straßenschilder wirkten wie vor einhundert Jahren oder älter, blau mit weißer verschnörkelter Schrift. Die Namen klangen vertraut und nicht ungewöhnlich, alltäglich beinahe. Sie schritten vom Markt aus über die Kirchhofstraße bis zur Birgdenkamperstraße, die Kronenstraße entlang auf die Scheiderstraße zu. Mit Interesse bestaunten sie die Häuser und vergaßen beinahe, welch verrücktes und zugleich tragisches Ereignis sie hierher gebracht hatte.
Kutschen rumpelten über die stellenweise morastigen Pfade, die sich zwischen den simplen und oftmals ärmlich wirkenden Schieferhäusern hindurchschlängelten. Kein Auto kreuzte ihren Weg, nirgends entdeckten sie ein Verkehrsschild. Irgendwo schlug eine Glocke, und das Schieferhaus, an dem sie soeben vorbeigingen, spuckte eine Horde lärmender Kinder aus. Trotz der niedrigen Temperaturen liefen einige der Knaben barfuß, Dreck hatte ihre Füße braun verkrustet. Die Mädchen trugen Kleider mit Schürzen darüber. Einige der Jungs sahen wie kleine, schick gekleidete Professoren aus, andere wie freche Lausbuben, die aus ärmeren Familien stammten.
Die ihnen entgegenkommenden Erwachsenen beachteten Ellen, Tina und Noah kaum. Die Frauen hüllten ihre durchweg schlanken, beinahe mageren Figuren in Kleider, deren Saum über den Boden schliff. Mäntel, Umhänge oder – so hatte es den Anschein – mehrere Gewänder übereinander geschichtet wärmten sie. Keine Frau kam ihnen ohne Kopfbedeckung entgegen. Hüte, Hauben oder Tücher verdeckten das Haar.
In den Fenstern eines kleinen Schieferhauses hingen ordentlich aufgereiht die wenigen Seiten einer Zeitung:
Lenneper Kreisblatt
Ihre Blicke irrten auf den Seiten mit der ungewohnt verschnörkelten Schrift umher und fanden schließlich das Datum: 21.11.1846.
Zahlreiche Rezensionen und Informationen zum Buch unter http://www.nicole-rensmann.de/Firnis.htm