Aufmerksamen Lesern der ZEIT und des Zeit-Magazins ist die 1982 geborene Journalistin Nina Pauer schon seit einiger Zeit bekannt als aufmerksame Chronistin des Seelenzustandes ihrer eigenen Generation. Ihre Texte richten sich an die Generation der Dreißigjährigen ebenso wie an die älteren. Bei den einen will sie so etwas wie ein Aufwachen, einen Aufbruch, ein Ankommen im eigenen Leben erreichen, bei den anderen so etwas wie Verständnis und vielleicht auch Unterstützung.
Nun hat sie ein Buch vorgelegt, das den Zustand und die Selbstdefinition ihrer eigenen Generation beschreibt. Ich habe es gelesen mit teilweiser Erschütterung über die Ort- und Heimatlosigkeit dieser jungen Menschen, aber auch mit Respekt vor dem Willen und der Sehnsucht daran etwas zu verändern, irgendwo anzukommen und Wurzeln zu schlagen.
Ich möchte in Zitaten zu einzelnen Themen einen Eindruck vermitteln, was den Leser mit diesem Buch erwartet:
ARBEIT. Die Angst vor dem Fall
„Der Druck war gekommen. Um zu bleiben. Erst immer noch da. Und er wird alles andere als weniger.“
LIEBE. Die Angst vor dem verlorenen Ich
„Wenn wir ehrlich sind, haben wir nämlich mittlerweile überhaupt keine Lust mehr auf Suchen, Wir wollen endlich finden. Wir wollen zur Ruhe kommen. Uns endlich einmal entscheiden.“
FREUNDSCHAFT. Die Angst vor dem durchlässigen Netz
„Wir haben die Stille verlernt. Und sind süchtig nach Geräusch geworden. Schuld dran sind nur wir selbst.“
ELTERN. Die Angst vor dem Erwachsenwerden
„Als Gegenleistung erwarteten unsere Eltern dafür von uns nichts. Höchstens vielleicht, dass wir uns frei entfalten und innerhalb der uns gegebenen Möglichkeit versuchen sollten, glücklich zu sein.“
POLITIK. Die Angst vor dem Statement
„Es stimmt schon: Irgendwie haben wir vielleicht ein bisschen sehr schnell aufgehört mit unserem Versuch, politisch zu sein, Aber wir wussten ja auch noch nicht einmal wirklich, was das heißt. Und wenn wir ehrlich sind, wissen wir es bis heute nicht.“
Es ist das ehrliche Zeugnis des Lebens und des Erlebens einer Generation, für die immer alles möglich schien. Lange Zeit dachte sie, das sei ein Segen, aber Nina Pauer beschreibt auch den Fluch, der darin lag und liegt.
Eine andere Frau in den Dreißigern, auch Sie Journalistin (bei der FAZ), hat gerade in einer Streitschrift die Lebenslüge einer ganzen Generation und Gesellschaft angeklagt. In „Die Patchwork-Lüge“ (Hanser 2011) schreibt Melanie Mühl, durchaus auf die in den Siebzigern und Achtzigern Geborenen abzielend:
„Heute ist uns die Vorstellung davon, was Erwachsensein heißt, abhandengekommen. Erwachsen sein heißt, Entscheidungen zu treffen. Indem wir uns auf eine Option festlegen, schließen wir andere Optionen aus. Wir verzichten auf etwas und übernehmen für etwas Verantwortung, für einen Menschen zum Beispiel oder für eine Familie.
Erwachsensein bedeutet, die banale Tatsache zu akzeptieren, dass sich nicht jeder Wunsch verwirklichen lässt und Lebensabschnitte einander abwechseln. Erwachsensein kann ein beruhigendes Gefühl vermitteln. Die Möglichkeitswelt ist kleiner geworden, sie erfordert keine permanenten Revision, weil man nicht fürchtet, Erlebnisse, Menschen oder irgendetwas sonst zu verpassen. Man ist angekommen.“
Ja, so ist es.