Rezension zu "Der Russe ist einer, der Birken liebt" von Olga Grjasnowa

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mecedora

Vor 1 Jahr

(15)

"Wenn ich mit meiner Mutter telefonierte, überkam mich manchmal die Sehnsucht nach einem Zuhause, ohne dass ich es hätte lokalisieren können. Wonach ich mich sehnte, war ein vertrauter Ort. Eigentlich hielt ich nichts von vertrauten Orten - der Begriff Heimat implizierte für mich stets den Pogrom. Wonach ich mich sehnte, waren vertraute Menschen, nur war der eine tot, und die anderen ertrug ich nicht mehr. Weil sie lebten." (202/203)

Mascha stammt aus Baku, ist Jüdin, Dolmetscherin für Französisch und Russisch, spricht auch ein wenig Türkisch, Arabisch und einige Sprachen mehr. Mascha verrät nicht viel von sich selbst und erst recht nichts von ihrer Vergangenheit, sie ist verschlossen, begabt und nach außen hin oft hart. Sie lebt in Frankfurt - doch zuhause ist sie so recht nirgendwo. Als sie auch noch Elias, ihren Freund, verliert, verliert sie völlig den Boden unter den Füßen und bricht auf nach Israel, um wieder zu sich selbst und einen Weg für die Zukunft zu finden. Aber die Vergangenheit lässt sie nicht los und zieht sie immer tiefer.

Olga Grjasnowas Roman "Der Russe ist einer, der Birken liebt" ist ein intelligentes und prägnantes, nicht immer sympathisches, oft erschreckendes und sehr aufwühlendes Debüt. Kühl und distanziert erzählt uns Olga Grjasnowa eine Geschichte von Verlust und Trauma, Identität und deren Findung, Heimatlosigkeit, von Klischees, Vorurteilen, Rassismus, Religion und deren Kriegen und von der Macht der Sprache - und ist dabei selbst ausgesprochen eloquent und sprachgewaltig. Mascha als Figur ließ zumindest mich ihren Schmerz beinah körperlich mitspüren. Man hätte sie so gerne beim Lesen in den Arm genommen - was sie gehasst hätte, sie, die sich hinter einer harten Fassade versteckt und doch so verletzlich und verletzt ist.

"Der Russe ist einer, der Birken liebt" ist ein Buch, das berührt und zum Nachdenken anregt. Über sich selbst und die Welt, in der wir leben, über Fremdheit und unseren Umgang damit und über Heimat, Liebe und Hass. Dieses Debüt klingt lange nach und sticht wirklich heraus aus der zeitgenössischen Literatur - durch seinen Ton, aber auch durch seine politische und gesellschaftliche Aktualität.

Von mir gibt es mit 4 Sternen eine absolute Leseempfehlung - einen Stern Abzug für die bei Hanser eher ungewohnten Grammatikfehler und die Tatsache, dass man zwar mit Mascha leidet, ich sie aber nie wirklich mochte und dass die Welt, die in diesem Buch gezeichnet wird, doch sehr zum schwarz-weißen Dualismus tendiert.

Autor: Olga Grjasnowa
Buch: Der Russe ist einer, der Birken liebt

aba

Vor 1 Jahr

Ich fand das Buch auch sehr sehr gut.
Von mir gibt es auch eine absolute Leseempfehlung.
Ein Stern weniger gab es, weil ich die ganze Zeit beim Lesen ein komisches gefühl hatte, das ich nicht beschreiben kann... ich denke, könnte mit dieser "Distanziertheit" zu tun haben, die Du beschreibst. Was nicht negativ sein muss...

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