Leser-Rezension zu „Fledermausland” von Oliver Dierssen
am 9.07.2010
Ich sitze im Zug von Hamm nach Berlin. Eine ruhige Fahrt bisher. Aber jetzt wird es aufregend: Wir nähern uns Hannover! Ich mache mich bereit, meine Sinne sind geschärft, meinen Rucksack halte ich griffbereit. Weil ich hier aussteige? Um Gottes Willen, nein! Warum sollte ich mich freiwillig in diese gefährliche Stadt begeben?
Hannover, gefährlich? Die Stadt an der Leine, die allgemein als dröge, gesichtslos und ungefährlich bekannt ist? Alles Täuschung! Hannover hat es in sich. Hannover ist ein zutiefst gruseliger Ort.
Sebastian Schätz wusste das nicht. Er ist nach Hannover gezogen, um zu studieren. Was nicht so richtig geklappt hat. Kein Wunder, denn er bekam es mit all den zwielichtigen Wesen zu tun, die sich in Hannover rumtreiben. Angefangen mit einer Fledermaus, die in sein Schlafzimmer flattert, was dazu führt, dass er seine Hand im Rollladenkasten einklemmt und ziemliche seltsame Sanitäter kennenlernt, die desorientiert wirken und ihn bedrohen, statt seine Hand zu versorgen. Beleidigend werden sie auch noch, denn sie bezeichnen Sebastian nicht als Patient, sondern als „anthropomorph, mittlere intelligente Lebensform“. Na ja, er ist aber auch ziemlich tappelig. Nicht nur, dass er sich nackt aus der Wohnung ausschließt, er kann nicht einmal bei der Tierrettung anrufen, ohne als pervers bezeichnet zu werden.
All das ist schon schreiend komisch, aber erst der Auftakt zu einem der skurrilsten Bücher, das ich in letzter Zeit gelesen habe.
Sebastian bekommt es mit einem „gnadenlosen kleinen Volk“ zu tun, nämlich der GEZ, lernt Wesen mit „sozial unerwünschten Ernährungsgewohnheiten“ kennen (Vampire), schlägt sich mit einem putzwütigen Domowoj in der Wohnung herum, verliebt sich (natürlich unglücklich), nimmt an einer Gerichtsverhandlung an einem höchst ungewöhnlichen Ort teil und erfährt nebenbei, wer in Wirklichkeit im Kino die Rollen austauscht. Menschen jedenfalls nicht, denn die scheinen in Hannover in der Minderheit zu sein.
Warnhinweis: Löst lautes Auflachen und anhaltendes Kichern aus. Nicht in öffentlichen Verkehrsmitteln lesen.

