Obwohl ich persönlich kein großer Fan von Krimis bin und noch weniger gerne lese ich seichte Unterhaltungsliteratur, ist für mich die Reihe um die Henkersfamilie Kuisl aus Schongau eines der besten Historienkrimi-Reihen, die man sich vorstellen kann. Auch der vierte Band begeistert mich von der ersten Seiten an, die Spannung ist greifbar, die Leidenschaft des Autors für die Geschichte, die seine eigenen Vorfahren in den Mittelpunkt stellt offensichtlich, die Recherche der Schauplätze, geschichtlichen Zusammenhänge und Lebensweise der Menschen wieder mal hervorragend und interessant für den Leser.
Es ist eine wahre Kunst den Leser noch nicht mal ahnen zu lasse, welche Richtung die Geschichte nehmen wird, wer der Täter sein könnte, warum die Taten begangen wurden und die Spannung bis zum Ende halten zu können - gepaart mit einem Schuss Grausamkeit, dafür liebt der Leser Geschichten aus der düsteren Zeit, in der es Henker gab, die Folterten und Töteten, ihren Beruf gerne ausübten und dennoch Mitgefühl zeigten, Unrecht aufdecken wollten, wo der Mop nur Blind vor Hass war. So einer ist Jakob Kuisl, nach außen ein Berg von einem Mann, stur und unerbittlich, nach innen voller Liebe zu seiner Frau, seine Enkeln und eigenen Kindern, seinen Freunden, mit denen er im Dreißigjährigen Krieg durch dick und dünn ging und Loyalität über Jahrzehnte in allen Lebenslagen bestehen bleibt.
Am Anfang steht wie immer ein Mord und bald sollen noch mehr folgen. Die Tochter des Henkers und ihr Mann Simon, der Bader, pilgern nach Andechs, auf den heiligen Berg der Bayern, um sich für die Genesung der beiden Söhne Peter und Paul zu bedanken. Als studierter Medicus kennt sich Simon mit Heilkräutern aus, er untersucht die Leiche des jungen Apothekergehilfen und stellt schnell fest, dass es womöglich kein Unfall war, der ihn das Leben kostete. Bald darauf ist auch der Uhrmachergehilfe tot, seine Leiche leuchtet im Dunkeln. Der Uhrmacher selbst, Frater Virgilius, bleibt verschwunden, er hat sich der Wissenschaft verschrieben und experimentiert mit Blitzableitern, mit Automaten, die sich bewegen, mit Phosphor; es herrscht eine Stimmung des Aufbruchs in eine moderne Zeit, wenn auch erst noch im Geheimen. Doch die Menschen sind noch lange nicht soweit, Hexerei wird vermutet und wer wird sogleich als Mörder ausgemacht - der Apotheker von Andechs, kennt er sich doch hervorragend mit Heilmethoden und Kräutern aus, wird als hässlich wie die Nacht beschrieben und passt somit ins Bild eines Täters. Über Motive macht sich keiner Gedanken, außer die Schongauer Henkersfamilie. Der Star des Romans ist wie immer Jakob Kuisel, der in die Jahre gekommene Henker, um die Morde aufzuklären ermittelt er zunächst getarnt als Mönch um jedoch bald von prominenter Stelle ebenfalls um Hilfe gebeten zu werden, denn der verschwundene Uhrmacher wird verzweifelt von einem nahen Angehörigen gesucht.
Dem Autor ist auch diesmal ein interessanter und in sich schlüssiger Roman gelungen, spannend und flüssig geschrieben, man mag das Buch kaum aus der Hand legen. Dabei muss der Autor aufpassen mit einigen Darstellungen nicht den versehentlichen Sprung in die Neuzeit zu machen. Die Rolle der Frau, die Erziehung der Kinder, die Strenge der oberen Klosterführer war sicherlich etwas anders, als im Roman dargestellt. Aber sei es drum, die Figuren sollen auch sympathisch rüberkommen, Güte und Gerechtigkeit sollen auch ihren Platz in der Geschichte bekommen, es bahnt sich eine neue Zeit an, die Moderne hält Einzug nach dem Ausklingen der Frühen Neuzeit - die Hexenverfolgung hatte im Dreißigjährigen Krieg ihren Höhepunkt.
Es wäre wunderbar, wenn der Autor, als Experte dieser spannenden Zeit in der Europäischen Geschichte, ein flüssig geschriebenes Sachbuch schreiben würde, als Begleitliteratur zu den Romanen, die hoffentlich bald weitergeführt werden.