Bücher, die mich interessieren, lese ich immer erst einmal an und entscheide meist nach wenigen Sätzen, ob ich diese eine Buch kaufe oder nicht.
“Nicht weit vom Stamm” hätte bei mir keine Chance gehabt.
Das erste Kapitel beansprucht anderthalb Seiten und ich fand es schlichtweg langweilig.
Kurze Sätze die beschreiben, wie der 14jährige Sven einen Innovationspreis erhält. Ein Junge, der Ideen im Kopf hat und diese auf dem Papier in die Zukunftsvision einer australischen Badelandschaft umsetzt. Sven, der strebsam und brav in der Schule und der ganze Stolz der Familie ist.
Dann der große Sprung im Buch.
Der Junge von damals als 19jähriger Mann, der seinen Weg verloren hat. Für den die Welt nur noch aus einem unaufgeräumten Zimmer, Internet und Saufkumpanen besteht.
Alkohol ist und bleibt die beste Erfindung der Welt. Er weicht die Grenzen auf, die man sich immer noch selbst setzt, obwohl sie unnötig sind. Grenzen, was man tun darf und was nicht. Grenzen, die die erfunden haben, die uns jeden Tag ficken, wie Boris es ausdrücken würde. Nichts weicht diese Grenzen besser auf als Bier, Whisky und Wut.
Was war passiert?
Diese Frage drängt sich einem auf, wenn Sven in der Ich-Form erzählt, wie erhebend es ist, andere Menschen zu erniedriegen, zu kiffen, sich zu prügeln und sich einfach an keine Regeln zu halten.
Der brave Schüler mit all seinen Träumen und der Möglichkeit etwas Großes zu werden gehören der Vergangenheit an. Er verachtet seinen Vater dafür, wie er lebt und arbeitet. Versteht nicht, warum die Mutter dieses Leben mit ihm teilt. Einzig seine jüngere Schwester schafft es ab und an, zu ihm durchzudringen.
Lina ist der einzige Mensch auf der ganzen Welt, der noch nie über mich den Kopf geschüttelt hat, und das, obwohl sie am meisten Grund dazu hätte. Sie hätte Grund, mich niemals im Leben mehr anzusehen. Sie hätte Grund, mir jeden Tag Vorwürfe zu machen. Macht sie aber nicht.
Zugedröhnt und auf der Suche nach Spaß bricht er mit seinen “Freunden” in ein Haus ein, verwüstet dieses und wird promt von der Polizei geschnappt. Für ihn bedeutet das: ab in den Bau. Dort ist er, wo er seiner eigenen Meinung nach hingehört: ganz unten. Und dort würde er am Liebsten nie wieder heraus:
Nur Stille und ein leises, von irgendwoher staunendes Brummen. Dunkelgrau und hellgau. Eine verschlossene Tür.
Ich gehöre hierher.
Ich habe nichts anderes verdient.
Ich meine, was für ein würdeloses Stück Scheiße bin ich schließlich?
Durch den Einbruch hat Sven keine Möglichkeit, Abschied von seiner geliebten Schwester zu nehmen, die für ein Jahr nach Australien geht.
Kurze Zeit danach geschieht etwas, das Sven dazu zwingt wieder sein Gehirn zu benutzen und seine Fähigkeiten einzusetzen.
Er findet auf einem schmerzvoll den Weg zu alten Werten und Freunden. Wird erniedrigt und enttäuscht. Erlebt aber auch, wie wunderbar arbeiten sein kann.
Dieses Buch beschreibt, wie steinig die Wege des Lebens sein können. Wie sehr man sich in Menschen täuschen kann und das es wichtig ist, seinen Kopf nicht immer durchzusetzen. Egal, wie alt man ist. Es hält einem vor Augen, daß Reden eine entscheidene Eigenschaft des Menschen ist, die er viel öfter einsetzen sollte.
Nach meiner anfänglichen Abneigung der Schreibweise gegenüber, hatte ich mich sehr schnell an den Stil von Oliver Uschmann gewöhnt. Sie paßt halt zu der Romanfigur Sven. Unverblümt und klar.
Zum Ende des Romans konnte ich das Buch nicht mehr aus der Hand legen. Viel zu wichtig war es mir zu erfahren, wie wohl das Ende der Geschichte sein würde.
Das macht für mich ein wirklich gutes Buch aus. So, wie “Nicht weit vom Stamm” von Oliver Uschmann.