Rezension zu "Wandelgermanen" von Oliver Uschmann

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rumble-bee

Vor 3 Jahren

(22)

An dieses Buch kam ich wie die sprichwörtliche Jungfrau zum Kind. Ich kenne zwar schon ein Buch von Uschmann, aber das stammt nicht aus der Reihe mit "Hartmut", und hat auch einen jugendlichen Protagonisten.
Doch wie es der Zufall will, fiel mir das Buch auf einem Wühltisch mit preisreduzierten Exemplaren in die Hände, und es schrie geradezu nach einer Erlösung aus dieser buchunwürdigen Situation. Und im Nachhinein kann ich nur sagen, für den Wühltisch ist es 1000 x zu schade!

Während der Lektüre verbrauchte ich etliche Pralinen, verbrachte halbe Tage auf dem Sofa, hatte mindestens 5 ausgedehnte Lachanfälle, und zog die Neugier meiner Umgebung auf mich, da meine Heiterkeits-Explosionen sowohl lautstark als auch unerwartet waren. Sogar meiner Schwiegermutter habe ich aus diesem Buch vorgelesen, und sie hat sich nicht mehr halten können vor Lachen...

Zugegeben, der Humor ist schon sehr speziell. Auch stellt das Buch ein Mittelding dar zwischen Roman und abgedrehter Illusion, was man vielleicht vorher wissen sollte. Ich möchte das mal in folgende Worte kleiden: Es tut dem Buch sicherlich nicht gut, als "Roman" betitelt zu werden, und rein nach Inhaltsangaben rezensiert zu werden! Das weckt im Leser, der einen klassischen Roman, eine nachvollziehbare Geschichte also, erwartet, nur falsche Erwartungen, die nahezu zwangsläufig enttäuscht werden. Man fühlt sich nach der Lektüre ein wenig wie nach einem Drogen-Trip, und fragt sich, was zum Kuckuck da grade "abgegangen" ist.

Die Ausgangssituation bietet schon allerlei Zündstoff für subversive Komik. Eine Männer-WG, oder besser gesagt, ein Teil dieser WG, ersteigert eine Bruchbude von Haus bei ebay, mitten auf dem platten Land. Die Frauen sind entsetzt und ziehen ins Hotel, während die Männer bei der Renovierung mit völlig aberwitzigen Situationen zu kämpfen haben. In dieser Hinsicht ist das Buch sehr selbstironisch, als gegen Ende einer der Protagonisten sagt, "das ist ja reiner Slapstick!" Genau!

Und ab hier wird es speziell. Etwa ein Drittel des Buches verläuft in klassischer Roman-Manier, vergleichbar mit einer Sitcom im Fernsehen. Doch danach hilft einem als Leser nur noch das Fallenlassen jeglicher realistischer Erwartungen weiter, sowohl was Handlung als auch auftretende Personen angeht. Ab diesem Punkt wird das Buch schrill, schräg, und teilweise einfach nur surreal, was man aber durchaus genießen kann. Denn ich vermute, der Autor hat sich durchaus etwas dabei gedacht!

Die "Wandelgermanen", die dem Buch auch seinen Titel verleihen, sind ein sehr schrill überzeichneter Verein, was wohl implizit eine Kritik an der Landbevölkerung allgemein darstellen soll. Man frage sich bloß nicht, ob es die wirklich gibt, oder wie wahrscheinlich deren Verhalten ist!! Das wäre absolut tödlich für die herrliche Situationskomik.

Auch die örtliche "Wehrsportgruppe", der der übrigens namenlose Ich-Erzähler beitritt, um Hilfe bei der Renovierung zu bekommen, fällt in die gleiche Kategorie wie die Germanen. Ein dermaßen überzeichneter Verein, dass man ihr Vorhandensein in der Handlung nur als herrlich würzendes Element betrachten kann.

Ich kann verstehen, dass manche meiner Vorleser das Buch ab der Mitte ein wenig langatmig fanden! Das kommt aber nur daher, dass man sich fragt, was diese Episoden in der Handlung zu suchen haben. Antwort: insofern GAR NIX, sie sollen erheitern, und zum schrillen Gesamteindruck beitragen! Wie zum Beispiel die Tatsache, dass die Wehrsportgruppe bei einer ihrer Übungen unabsichtlich und saukomisch einen regionalen Zwischenfall auslöst...

Wirklich genial fand ich nun aber die Schilderung der Bürokratie, des "Amtes" und seines Leiters, Herrn Steinbeis. Das ist eine hoch kunstvoll zusammengesetzte Anspielung auf Elemente der Popkultur und Literatur! Und ich wette, das ist vom Autor bewusst so gesetzt worden. Das "Amt" wird bezeichnet als "Das Haus, das Verrückte macht", und, liebe Leute, das ist ein direktes Zitat aus einem Asterix-Band! Ich muss noch nachsehen, welcher es war, aber ich bin absolut sicher. Und wie dieses Amt, das "Schloss" geschildert wird... also, wer hier Elemente aus Kafka, Helge Schneider und Loriot nicht erkennt, ist selber schuld.

Ein letztes geniales Element des Buches ist der geheimnisvolle (und wieder NICHT realistisch gemeinte) Installateur und Handwerker Leuchtenberg! Der kommt und geht wie eine mythische Gestalt, und stellt den beiden Protagonisten so dämliche Aufgaben, dass ich mich schlappgelacht habe. So sollen sie z.B. für das Dach einen "Dachverband" besorgen, oder für die marode Güllegrube "Abschaum"!! Mein Lieblingszitat: "Ja, wenn Sie Abschaum wollen, dann müssen Sie nach Berlin fahren!" !!!!!!

Tja, der einzige Mangel, den ich dem Buch vorwerfen würde, ist die Tatsache, dass Herr Uschmann gerne etwas mutiger hätte sein dürfen. Nicht erst ein Drittel des Buches realistisch schreiben, sondern gleich eine komplette Irrsinns-Welt erschaffen! Wenn das stringent durchgehalten wird, verkraftet der Leser das schon.

Insgesamt lautet meine Lese-Empfehlung: Ein MUSS für alle diejenigen, die bereit sind, sich auf einen irren Trip einzulassen! Und für Fans von Uschmann sowieso.

Autor: Oliver Uschmann
Buch: Wandelgermanen
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