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Vor 4 Jahren
(13)Eine Kindheit unter Tonnen von Sand begraben
Ein junger Mann - Schriftsteller - hat scheinbar alles, um glücklich zu sein, eine kleine Tochter und eine Lebensgefährtin, die ihn liebt. Trotzdem kann er seine verstorbene Mutter nicht vergessen. Erinnerungen quälen ihn tagein, tagaus.
Der zwanzigste Todestag führt ihn wieder an den Ort ihres Selbstmords - die dramatische Kulisse der Felsenklippen von Étretat.
"Hier ist die Nacht, tief und Schwarz wie die Welt."
Mit diesem Satz beginnt Olivier Adam seinen kleinen Roman über den 31jährigen Ich-Erzähler Olivier, der in einer dunklen Nacht über sein Leben sinniert - im Rücken seine schlafende Frau Claire und seine zweijährige Tochter Chloé. Die ganze Nacht wird er wach sein, später denselben Weg gehen, den seine Mutter ging. Ein lückenhafter Fluss der Erinnerungen und dunkle Stellen in seinem Lebenslauf werden in quälen, die er nicht zu erhellen mag. Doch er ist fest entschlossen, Licht in seine Vergangenheit und sein bis dato kontur- und rahmenloses Leben zu bringen.
Das Drama seiner Familie begann mit den psychischen Problemen seiner Mutter, einer zerbrechlich zarten Frau. Nach ihrem Tod entwickelt sich das Zusammenleben mit dem Vater immer mehr zur Farce, ist durch seelische und körperliche Gewalt gekennzeichnet. Beide Brüder (Olivier hat noch einen zwei Jahre älteren Bruder - Antoine) klammern sich beinahe verzweifelt in ihrer kindlichen Hilflosigkeit aneinander. Einziger Bezugspunkt ist eine jugendliche Clique aus ebensolch unsanft gestrandeten Kindern, die ihrem trübsinnigen Leben durch Sex, Drogen und Alkoholexzesse zu entfliehen versuchen, jedoch in Wahrheit immer tiefer in schwere Depressionen verfallen.
Olivier scheint in der Spirale eines permanent-rapiden psychischen und physischen Abstiegs gefangen. Erst die Liebe von Claire, die unerschütterlich an ihn glaubt, und ihre gemeinsame Tochter Chloé ziehen ihn aus dem Tal der Dunkelheit. Scheint die Nacht besiegt? Der letzte Satz des Buches lässt hoffen: "Wenn ich aufwache, wenn ich die Augen, die Vorhänge öffne, wird alles ruhig sein und leuchten."
Vor allem Adams schriftstellerischem Talent (das Buch stand 2005 auf der Liste der letzten vier Finalisten für den "Prix Goncourt") ist es zu verdanken, dass dieser Roman in den Augen des Lesers nicht nur als enttäuschende Ansammlung von Fakten erscheint. Er schreibt äußerst feinfühlig, mit Intelligenz und ohne rührselige Dramatisierung, über die Themen Kindheit, Jugend, Familie, Liebe, Erinnerung und die Grausamkeit, aber auch die Schönheit der menschlichen Existenz.
Auffällig ist die einfache, aber wunderschöne Diktion dieses Buches. Mit kurzen schnörkellosen Sätzen, einem beinahe puristischen Stil, skizziert er seine Figuren. Eine einfache Linie - ein Strich - genügt zur Beschreibung einer Situation von ungeheurer Dramatik. Vor dem inneren Auge des Lesers entstehen Bilder, Porträts und Landschaften, die man fast atmen und schmecken kann; Wörter voll Luft und Gischt, nassem Gras und feuchter Erde, Wind und Salz. Und immer wieder das Meer (eine Metapher für seine tote Mutter?) und die Klippen.
Natürlich ist man versucht, die Parallelen zwischen der Existenz des schriftstellernden Erzählers und des Autors als Autobiographie zu deuten, auch Name und Alter sind identisch. Doch diese Frage sollte nicht im Mittelpunkt dieses großartigen Buches stehen.
Carina von Enzenberg hat mit ihrer Übersetzung aus dem Französischen den wundervollen Ton Olivier Adams grandios wiedergegeben.
Fazit:
Ein großartiges Buch, das den Leser wie bei einer heftigen Welle erschüttert, gerade durch seine Menschlichkeit und seine ungebrochene Hymne an das Leben.
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