Leser-Rezension zu „Im Namen des Schweins” von Pablo Tusset
am 30.09.2009
Eingereicht von hom:
Das Böse à la Catalana. Ein Schlachtfest zwischen Himmel und Hölle.
Vorbemerkt sei: Die Vorbemerkung auf dem Buchdeckel: „…der Krimi, der es nicht ist“ - entliehen einer früheren Rezension - weist in die richtige Richtung. Wenngleich Kommissar Pujol und sein Ziehsohn T als Protagonisten vordergründig Jagd auf einen perversen Verbrecher machen, der übergewichtige Hausfrauen in industriellen Schlachthäusern nach
allen Regeln des Ritus zur Schlachtbank führt, handelt es sich bei Pablo Tussets zweitem großen Roman „Im Namen des Schweins“ keinesfalls um einen Vertreter des Genre Klassischer Kriminalroman. Sondern …
Gegensätzlich wie grotesk führen uns drei zentrale Handlungsstränge letztlich weg vom initiierenden, plakativen Großgemetzel: Zum einen die Geschichte des ältlichen Kommissars Pujol; in der Hauptsache befasst mit der Aufklärung des Falls in einem abgelegenen Bergdorf; zudem aktiv im Aufpeppen seines bislang müden Privatlebens. Dies alles findet statt „In der Welt“, namentlich in der lebenswerten Mischung aus einem quirligen Szene- Barcelona, einem beschaulichen Suburb-Barcelona und einem Wochenendwohnsitz-
Ambiente für Betuchte vor den Toren Barcelonas. Daneben die Episode seines Ziehsohns Tomas, „T“. Jungkommissar, im richtigen Leben Kollege Pujols in Barcelona, sportlich, attraktiv - und ausgebrannt. „T“ nimmt eine Auszeit in New York, „Im Paradies“.
Die zweiteMetropole des Werkes kommt im Vergleich zur katalonischen allerdings bedrohlich und kalt - als Kulisse für „T“s psychotische Wandlungen - daher. Denn „T“ changiert hier peripher mühelos zwischen eiskaltem Gelegenheitsmörder und heiß-romantischem Latin Lover, der sich in Suzanne verliebt, um deren Schicksal wir daher ab sofort zittern müssen. Es ist demnach auch weniger „T“, als vielmehr die Leserschaft, die im Rahmen der New Yorker Love Story ein wachsendes „Paradise Lost“-Gefühl entwickelt.
Nach seiner schwarzen Romanze in New York, und das ergibt den dritten Strang, wird „T“ zu „P“ und zum Undercover-Agenten in eben jenem Bergdorf, das Schauplatz des Schlachthausmordes war. Er ist „In der Hölle“ gelandet. Tusset inszeniert hier ein surreales Dorfleben - strikt im Gegensatz zum naheliegenden und doch unerreichbaren Barcelona.
Die Bewohner sind skurril und - beinahe inzestuös - auf sich selbst fixiert. Ein spannendes wie unterhaltsames Umfeld, in dem „P“ (ehemals „T“) nun ermittelt und nebenbei weiter mordet.
Auf der intellektuellen Überholspur zitiert Tusset im Handlungsverlauf Dante Alighieri, Hieronymus Bosch, Quentin Tarantino und jeden. Peu a peu baut sich ein doppelter Boden an Essenzen und Bedeutsamkeiten auf. So heißt das Bergdorf bei Barcelona „San Juan del Horla“, und falls wir nicht adhoc Maupassants Klassiker „Der Horla“ assoziieren, dürfen wir erfahren, dass Maupassant hier verrückt geworden sei. Letzteres - sei notiert - ohne jede realistische Grundlage und vielmehr um der hochkarätigen Unterhaltung Willen. In gleicher Weise deutet ein vielzitierter „rechter Flügel“ des Triptychons „Garten der Lüste“ von Bosch auf eine Gruppe aus drei Personen, inklusive einem Schwein als Nonne, und metaphorisch auf die Drei-Gliederung der Handlung rund um das Schwein. Und zwar deutet er auf genau dieses. Und nicht etwa auf mehr, wie sich aufgrund des bedeutungsschweren Zitats ja auch vermuten ließe.
Von Referenzen in diesem Stile wimmelt es nur so im Roman: Sie alle zeigen Pablo Tussets Begeisterung, uns Rätsel - vom Typus „Um die Ecke gedacht“ - aufzugeben; und zwar nicht etwas zur Handlungslenkung, sondern, um sich mit uns Lesern augenzwinkernd zu verbünden: „Wir denken an das Gleiche, oder?“
Womit spätestens aus dem Kriminalroman ein klassischer Fantasy-Roman geworden wäre. Einer, der sich gegen Interpretationen sträubt, aber auf höchstem Niveau unterhält und amüsiert. Unterhält, weil er ein hohes Identifikationspotenzial besitzt, und wir uns unweigerlich die Frage stellen, in wie viel Hölle wir selbst unmerklich leben. Eine Frage übrigens, die Kommissar Pujol zu einem guten Teil aufgrund seines ebenso plötzlichen - wie
gemäldeartig inszenierten - Ablebens erspart blieb. Und amüsant, weil er selbstironisch mindestens drei gute Geschichten dekonstruiert und die Splitter zu einem höchst unterhaltsamen, größeren Ganzen wieder zusammenfügt.

