Zu sagen, das Buch habe mir gar nicht gefallen, wäre falsch, aber dennoch: meine Erwartungen hat es nicht erfüllt. Der Klappentext verspricht "atemberaubende Spannung" und scheut sich auch nicht, den Täter aus "Der Vogelbrunnen" mit Thomas Harris' Hannibal Lecter zu vergleichen, was in meinen Augen ein viel zu hoch gegriffener Vergleich ist. Travis Crill, Richardsons Version eines Serientäters, hat kaum Tiefe. Seine Intelligenz wird immer wieder betont, doch in den Sequenzen, in denen er zu Wort kommt, ist nichts zu spüren von einem außergewöhnlichen Intellekt oder einem besonders starken Willen. Er wirkt flach und leblos, weswegen der Vergleich mit Hannibal Lecter ein Schuss in den Ofen bleibt. Die Autorin hat bei weitem nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft, um aus diesem Täter den Menschen zu machen, der ihr beim Schreiben wohl vorschwebte.
Aber nun zum Inhalt: Claire ist Schriftstellerin, Dichterin und Journalistin. Bisher verdiente sie den Unterhalt für sich und ihre Tochter Annie durch alle möglichen Artikel für Zeitschriften und durch einen Kurs für kreatives Schreiben in einer Haftanstalt, doch es langt immer geradeso. Daher ist das Angebot, das Alistair Downes, der Anwalt eines verurteilten Vergewaltigers, ihr macht, sehr verlockend: sie soll die Biographie seines Mandanten, Travis Crill, schreiben und dafür fürstlich entlohnt werden. Er wurde zu zehn Jahren Haft verurteilt, weil er sechs Frauen überfallen und vergewaltigt hatte. Nach anfänglichem Zögern willigt sie ein, aber unter der Bedingung, dass ihr Name nie in Verbindung mit diesem Buch genannt werden darf. Und so beginnt sie zu ermitteln, führt Interviews mit Travis Crill selbst, mit einigen seiner Opfer, mit seiner Familie, seinen ehemaligen Kollegen und Lehrern und allen, die eine Rolle im Leben des Mannes spielten. Weil das Bild, das viele von ihm zeichnen, ihr zu glatt und positiv erscheint, beginnt sie tiefer zu wühlen und bringt so sich und ihre Tochter in große Gefahr, denn ihren Auftraggebern ist nicht daran gelegen, dass sie unautorisierte Informationen für ihr Buch nutzt und auch Travis gefällt nicht, was sie ans Tageslicht bringt.
Doch das ist nicht ihr einziges Problem, auch privat läuft vieles falsch seit einiger Zeit: Annies neue Freundin Savannah hat einen sehr schlechten Einfluss auf sie und Claire kämpft gegen ihre Gefühle für den Polizisten Max an, den sie im Laufe ihrer Recherchen kennengelernt und über den wahren Grund ihrer Fragen im unklaren gelassen hat.
Genaugenommen hat dieser Roman zu viele Baustellen: da wären Travis und seine Taten, Claire und ihre Recherchen, Annie und die rebellische Savannah und dann noch Max und Claire, sie sich zaghaft näherkommen. Das ist zu viel für einen Roman und so nimmt es nicht wunder, dass sich die Ereignisse am Ende überschlagen und der Roman erst auf den letzten 40 Seiten so richtig Fahrt aufnimmt. Oft hatte ich den Eindruck, dass der Autorin wegen dieser Fülle an Handlung einige Flüchtigkeits- und Logikfehler unterlaufen sind, die man bei genauerer Betrachtung hätte vermeiden können. Zum Beispiel wundert Claire sich nicht darüber, dass Annie ihr erzählt, Savannah fahre seit vielen Jahren schon Auto - dabei ist das Mädchen erst sechzehn! Oder so ist zum Beispiel schon früh im Roman die Rede davon, dass Informationen über das Buch an die Medien durchgesickert sein könnten, was Claire erstaunlich gelassen hinnimmt, auch als Downes sie ermahnt, verschwiegen zu sein, falls die Presse sich bei ihr melden sollte, was ja bedeutet, dass ihre Mitarbeit an diesem Projekt nicht mehr als vollkommen geheim gelten kann. Als am Ende die Presse jedoch wirklich über sie und die Biographie berichtet, ist sie zutiefst schockiert, wie sie davon erfahren haben könnten - wie passt das zusammen? Ebenso Max' gekränkte Reaktion, als er durch die Medien erfährt, dass sie ein Buch über Crill schreibt - als sie ihn für ihren angeblichen Artikel zu Crill befragte, störte er sich wenig an der Wahl ihres Themas. Das mögen alles Kleinigkeiten sein, doch zusammengenommen schwächen sie diesen Roman, der einiges an Potential hatte.
Was mir gut gefiel, war die wechselnde Erzählperspektive, so dass nicht nur Claire zu Wort kam, sondern auch Annie und ihre Sicht der Dinge. Der Sprachstil der Autorin war für mich anfangs etwas gewöhnungsbedürftig, weil sie eine Vorliebe für kurze Sätze hat, die teilweise einem Stakkato gleichkommen, aber gerade in den spannenderen Teilen der Handlung sorgte dies für besonders viel Dynamik. Und so war "Der Vogelbrunnen" auch keine langweilige oder unbefriedigende Lektüre, aber eine, an der die Autorin noch ein bisschen hätte feilen müssen.