Leser-Rezension zu „Die Einsamkeit der Primzahlen” von Paolo Giordano
am 29.08.2010
Nachdenklich schließe ich nach Seite 363 das Buch. 363 ist die Zahl für die letzte Seite des Buches von Paolo Giordano. Eine Zahl nur unter vielen, die in seinem Roman eine Rolle spielen. Giordano lässt seinen Protagonisten Feuer fangen, lässt ihn der Faszination der Primzahlen verfallen. Doch dies ist nicht der Gegenstand meiner Nachdenklichkeit. Ich bin im Widerstreit meiner Gefühle. Sehr viele Gefühle brodeln in mir, Gefühle, die zu wecken dieser Autor mit einer Leichtigkeit geschafft hat und die nun einen regelrechten Aufruhr in mir verursachen. Nie zuvor kreuzte eine dermaßen verwirrende, und doch zu Herzen gehende Geschichte meinen Weg. Und nie zuvor war ich mir nach dem Lesen einer derartigen Reizüberflutung im Kopf bewusst. Giordanos Werk ist so gewaltig, dass ich keiner Emotion den Vorzug zu geben vermag. Einerseits die tragischen Geschichten der beiden Protagonisten Alice und Mattia, andererseits – und mit keinem Wort weniger effektiv beschrieben - das Schicksal der Nebenfiguren. Doch die Lebensgeschichte dieser Menschen, die sich nach und nach heraus kristallisiert, ist viel tiefschichtiger und komplexer, als es den Anschein hat. Es handelt sich bei Mattia und Alice nicht nur um zwei Außenseiter in der Schule, die sich zu einer Zweckgemeinschaft zusammen getan haben. Vielmehr fühlten die beiden sich von Anfang an zu einander hingezogen, aus unerklärlichen Gründen. Sie haben beide schlimme Erfahrungen in ihrer Kindheit miterleben müssen, kämpfen beide, um mit den seelischen Folgen umgehen – ja, ein selbständiges Leben führen zu können – und sie fühlen sich dennoch gefangen in ihren Zwängen, die sie oftmals zu überwältigen scheinen. Und doch gibt ihnen eine Sache Halt in ihrem Leben: ihre Freundschaft. Eine tiefe, und doch anspruchslose Freundschaft. Freunde, die sich mit der Anwesenheit des anderen begnügen, deren tiefe Bindung weniger Worte bedarf. Schicksale, deren Fäden die handelnden Personen nicht in der Hand haben, deren Lebensverlauf sie zu beeinflussen sie nicht imstande sind. Tragische Ereignisse werden emotional und trotzdem sachlich erzählt – im Grunde so gut wie unvereinbar. Doch vielleicht ist es gerade das, was den Schreibstil Giordanos ausmacht? Jeder Leser meiner Rezension wird sicherlich bemerken, dass es mir diesmal sehr schwer fällt, meine Eindrücke weiter zu vermitteln. Mit einer banalen Wiedergabe des Inhalts möchte ich niemanden langweilen, dennoch fällt mir kein anderes Argument, dieses Buch zu lesen, ein, als das Wort „faszinierend“. Es handelt sich um ein literarisches Sahneschnittchen, dass ich jedem ans Herz legen würde. Faszinierend, beeindruckend, überwältigend. LESEN!

