Paul Auster, lebend in Brooklyn, verbindet eine besondere Beziehung zu seinem Stadtteil und dessen Bewohnern. Fernab vom strahlenden Glanz und der Pracht Manhattans lässt er hier immer wieder die Handlungen seiner Bücher spielen, wobei er sich des menschlichen Kaleidoskops dieser Gegend bedient und einen Blick unter die raue Schale wirft. Bei Auster werden die Personen, deren Wege man in der Menschenmenge der Innenstadt kreuzt, denen man nur einen kurzen Blick gönnt, zu lebendigen Wesen. Dieser Autor versteht es wie kein zweiter aus einem jedermann einen jemand zu machen, die Anonymität der Großstadt zu entschleiern und aufzuheben. „Die Brooklyn-Revue“ ist da keine Ausnahme von der Regel. Wie schon in der „New-York-Trilogie“ oder „Mond über Manhattan“, so widmet sich Auster auch hier den Gestrauchelten und Gescheiterten. Denjenigen, die nichts Besonderes hinterlassen werden, keine Berühmtheit sind. Diejenigen, die wir sein könnten.
Erzählt wird die Geschichte vom geschiedenen Endfünfziger Nathan Glass, der nach überstandener Lungenkrebserkrankung in sein altes Viertel Brooklyn zurückgezogen ist und, da er nichts mehr vom freudlosen Leben zu erwarten hat, sich dort auf den Tod vorbereitet. Doch Brooklyn, dieser Dampfdruckkessel aus Zählebigkeit und schwarzen, robusten Humor, hält für Glass einige Überraschungen bereit, denn obwohl dieser alleine lebt, will sich partout keinerlei Melancholie bei ihm einstellen. Ganz im Gegenteil: Der Literaturfreund entschließt sich dazu, auf seine alten Tage ein Buch zu schreiben, mit dem Ziel „in möglichst einfacher und klarer Sprache jeden Fehler festzuhalten, jede Blamage, jede Peinlichkeit, jede Idiotie, jede Schwäche und jede Albernheit, die ich im Laufe meiner langen buntscheckigen Karriere als Mann begangen habe." Der Titel soll „Das Buch menschlicher Torheiten“ lauten. Und Inspirationen lassen nicht lange auf sich warten.
Schnell hat sich Glass in Brooklyn wieder eingelebt. Zudem trifft er eines Tages auf seinen Neffen, den düster philosophierenden Tom Wood, der einstmals eine große Karriere an der Universität vor sich hatte, nun über das Taxifahren als Verkäufer in einem Antiquariat gelandet ist. Besitzer dieses Paradieses für Bibliophile, welches Glass immer häufiger aufsucht, ist der homosexuelle Jude Harry Brightman, dessen unrühmliche Vergangenheit als Bildfälscher die ein oder andere dunkle Episode aufweist und der ebenfalls in New York neu angefangen hat. Gemeinsam lechzt dieses Trio von Versagern, Aussteigern und Verlassenen nach Läuterung oder zumindest einem gnädigen Ende, mit dem sich die Fehler des Lebens besser ertragen lassen. Bei einem längeren Gespräch im Restaurant beschließt man, bei vorhandenen finanziellen Mitteln, ein „Hotel Existenz“ zu gründen, das zur gemeinsamen und perfekten Zuflucht werden soll. Glass muss nun feststellen, dass das Leben die Geschichten selbst zu schreiben beginnt. Bevor die drei ihre Idee jedoch umsetzen können, taucht plötzlich die neunjährige Lucy bei Tom auf, Tochter seiner seit Jahren verschollenen Schwester Aurora. Und Lucy ist es nun, die den drei Männern den Weg zu weisen scheint …
Was auf den ersten Blick nach der Schilderung eines ausklingenden Lebensabends klingt, entpuppt sich bereits nach wenigen Seiten als viel mehr. Paul Auster hält sich nämlich nicht lange mit Glass' Lebensbericht auf, sondern benutzt diesen nur als Einstieg in die episodenhafte, mehr oder weniger ausführliche Schilderung der verschiedensten Personen und Begebenheiten, die irgendwie alle, und sei es nur durch den vom Autor so oft bemühten Zufall, in einem Zusammenhang stehen, deren Beziehungen untereinander wie in einem Reigen sich neu formieren, wieder zerfallen, sich anders orientieren, bis am Ende des Buches nichts mehr so ist, wie es mal war. Auster beschreibt im Buch keine typische amerikanische Familie, sondern eine von Randexistenzen (Schwule, Lesben, Transen, Juden etc.) bevölkerte Gruppe. Doch trotz allen Unglücks, Krankheit, Wahnsinn und Wut kämpfen alle, um nicht gänzlich zu versinken und helfen sich gegenseitig, um gemeinsam ein Stück weiter zu kommen.
Mit welch geschliffener und kultivierter Sprache Paul Auster einen Brooklyn'schen Reigen über Gott und die Welt, Liebe, Leid und Literatur inszeniert, ist schlicht atemberaubend. Gespickt mit klugen Binnenstories über Kafka und die Puppenbriefe, Wittgenstein, den prügelnden Philosophen, wie auch literarisch-philosophischen Diskursen über Poe, geleitet Erzähler Nathan Glass durch ein wahres Schicksalslabyrinth. Hier offenbart sich Austers große Kenntnis und sein Talent als grandioser Geschichtenerzähler. Kaum ein anderer Autor vermag das Unspektakuläre und Alltägliche in eine solch faszinierende, bildhafte und ausdrucksstarke Form zu packen, wie der Amerikaner. Ihm ist eine Aura eigen, welche den Leser mit allen Sinnen gefangen nimmt und ihn einfach nicht loslässt. Die übliche Distanz zur künstlichen Figur will sich hier erst gar nicht einstellen. Stattdessen taucht man tief in Austers Brooklyn ein, lässt sich treiben in dieser Geschichte voll anderer lustiger und trauriger Geschichten. Ausschnitte aus Leben, so anders und doch so gleich wie unsere eigenen, die aus der nicht identifizierbaren Masse der Großstadtbevölkerung Gesichter von Menschen kreieren. Gesichter von Menschen, die uns im Gedächtnis bleiben. Zusammen ergeben sie ein Bild eines Stadtteils, einer Stadt und eines Landes, das sich kurz nach der Wahl des Versagers Bush zum Präsidenten seiner größten Katastrophe entgegentaumelt.
Auster lässt den Traum vom ewigen Idyll abrupt in einer Staubwolke enden, die an einem strahlenden Septembertag des Jahres 2001 Brooklyn verdunkelt. Die tiefste Wunde, welche dieser Stadt je geschlagen wurde, steht, und das wird zwischen den Zeilen immer wieder deutlich, für das Ende einer Ära und den Beginn einer Neuen. Eine Epoche, die wieder Unwägbarkeiten, Zufälle, Rückschläge und Tragödien bereithalten wird … welche aber wiederum der Mensch, mit dem Willen zur Veränderung verkraften kann und zu überstehen in der Lage ist. Oder wie es Nathan Glass mit seinem letzten Satz sagt: „Man unterschätze nicht die Macht der Bücher“. Passender hätte Auster keinen Schlussstrich unter sein Werk ziehen können, dass sich mit dieser Aussage quasi aufs Schönste selbst bestätigt.
Insgesamt konnte mich auch mein dritter Paul Auster wieder auf ganzer Linie überzeugen. „Die Brooklyn-Revue“ ist ein machtvolles, aber doch unaufdringliches und leichtes Stück Literatur, das gleichsam lehrt und unterhält. Ein (vor allem wegen der Figur Nathan Glass) wunderschönes Buch, das meine Lust nach weiteren Werken dieses Autors befeuert und mir sicherlich länger im Gedächtnis bleiben wird.