Leser-Rezension zu „Die New York-Trilogie” von Paul Auster
am 6.10.2011
Drei Geschichten ohne wirkliches Ende? Erzählungen, die mehr Fragen stellen und offen lassen, als sie beantworten? Und doch ein moderner Klassiker? Nein, keine Widersprüche in sich, sondern Merkmale von Paul Austers erstem großem Werk, der Hochgerühmten "New-York-Trilogie", die mich nun endgültig zum Bewunderer dieses amerikanischen Autors hat werden lassen. Jeder der drei Romane wirkt zunächst wie eine klassische, spannungsgeladene Kriminalgeschichte, die den Leser mit raffiniert ausgelegten "Ködern" in den Bann ziehen soll. Doch dann verschieben sich die Perspektiven, scheinen die vordergründig logischen Zusammenhänge nicht mehr zu stimmen. Die Rollen der Täter und der Opfer, der Verfolger und der Verfolgten verändern sich auf rätselhafte Weise. Und mit ihm schließlich auch der Leser, der zwischen allen drei Handlungen eine Verbindung sucht, welche stets vorhanden und doch nie präsent ist. Die Geschichten seien kurz angerissen:
In "Stadt aus Glas" erhält Daniel Quinn, ein Kriminalautor, mitten in der Nacht den Anruf eines Fremd und wird auf Grund eines Missverständnisses in eine Affäre hineingezogen, die komplizierter und undurchsichtiger ist als alles, was er bisher in seinen eigenen Büchern geschrieben hat: Quinn wird, ohne dass ihm Zeit zum Nachdenken bleibt, als Detektiv unter den Namen Paul Auster zur Observierung ausgeschickt...
"Schlagschatten" wiederum ist Blues Geschichte, der von White den Auftrag erhält Black zu beobachten. Ohne über die Hintergründe aufgeklärt worden zu sein, lässt der junge Privatdetektiv sich auf den Fall ein und beschattet Black tag ein und tag aus. Bald muss er feststellen, dass seine bewährten Methoden nicht greifen und dass sich Realität und Täuschung nicht mehr ohne weiteres voneinander unterscheiden lassen...
"Hinter verschlossenen Türen" (Diese Geschichte hat mir persönlich am besten gefallen) erzählt vom spurlosen Verschwinden des Schriftstellers Fanshawe, dessen bester Freund aus frühester Kindheit die Rolle des Nachlassverwalters übernimmt und sich dafür einsetzt, dass Romane und Gedichte des Autors veröffentlicht werden. Er heiratet schließlich auch dessen Frau Sophie und dringt bei seinen Nachforschungen immer tief in Fanshawes Vergangenheit ein. Bis eines Tages die Welt für ihn zusammenbricht, als er den Hinweis bekommt, dass dieser noch lebt...
Auster hat sich in seinem Debütwerk augenscheinlich sehr an dem klassischen Detektivroman orientiert, der in allen drei Erzählungen deutlich durchschimmert, jedoch stets ohne Ende ist. Seine Figuren sind Menschen aus unserer Mitte und doch auch völlig anders. Sorgende Väter, trauernde Ehemänner, die aber alle am Grade zur Selbstzerstörung wandeln. Die augenscheinliche Normalität ist ein klug inszeniertes Trugbild, das nur kurz bestand hat, bis die Absurdität Einzug hält, das Schizophrene an die Oberfläche bricht. Worin hier für den Leser die Faszination besteht, ist wie immer schwer zu beschreiben, denn Auster schreibt rätselhaft, nebulös und bizarr. Er spielt mit den Erwartungen des Lesers, verschiebt Perspektiven wie Figuren beim Schach, legt falsche Fährten. Man könnte darüber in Verzweiflung geraten, würde er dies nicht so brillant, so meisterhaft tun. Unmöglich Austers Worten zu widerstehen, sich nicht von seinen Worten fesseln, in die Figuren, die Handlung, die Umgebung hineinziehen zu lassen. Dieses Buch beschäftigt den Leser, lässt ihn die Zeit vergessen und über das Ende der Lektüre hinaus mit Fragen beschäftigen, welche unser Herz berühren. Selten war Großstadtanonymität so lesbar, spürbar, hat das offene Ende einer Geschichte derart einsam gemacht. Über knapp 380 Seiten lebt und atmet man diese Geschichten, welche letztendlich einen bitteren Nachgeschmack hinterlassen und doch in jeder Zeile die Macht des geschriebenen Wortes verdeutlichen.
Insgesamt ist die "Die New York Trilogie" ein grandioses, stilistisches Meisterstück über die zerbrechliche Normalität des Alltags, das gleichermaßen berührt, verwirrt und unterhält, und das völlig zu Recht als moderner Klassiker gilt. Unheimlich lesenswert und eine Empfehlung für alle Freunde von tiefgründiger Literatur.

