Leser-Rezension zu „Mann im Dunkel” von Paul Auster
am 24.05.2010
"Jede Welt ist die Schöpfung eines Geistes"
Ein alter gehunfähiger Mann liegt des Nachts in seinem Bett. Er starrt an die dunkle Decke, der Schlaf will einfach nicht kommen. Um nicht von seinen quälenden Erinnerungen überfallen zu werden, erdenkt sich der alte Mann im Dunkel Geschichten. Er wohnt bei seiner Tochter, die nach Jahren der Ehe von ihrem Ehemann verlassen wurde und bei seiner Enkelin, deren Freund auf grausame Art ermordet wurde. Alle drei hadern sie mit ihrem Schicksal und versuchen jeder auf ihre Weise, der Realität zu entfliehen. Die Mutter in ihrer Arbeit an ihrem Buch, die Tochter im exzessiven Anschauen von Filmen und der Großvater in seinen selbst erdachten Geschichten. In eine davon nimmt er uns mit:
Ein junger Mann namens Owen Brick erwacht, in die Uniform eines Soldaten von Rang gekleidet, in einem kreisrunden Loch. Als er daraus gerettet wird, muss er feststellen, dass es das Amerika, das er kannte, nicht mehr gibt. Kein 9/11, kein Krieg im Irak. Dafür aber einen Bürgerkrieg im eigenen Land. Diverse Staaten haben sich abgespalten und werden dafür von dem Präsidenten der Föderalisten, George W. Bush, angegriffen. Brick muss erfahren, dass es seine Aufgabe ist, diesen Krieg zu beenden. Dazu muss er nichts weiter tun, als die Person zu ermorden, die für all das verantwortlich ist und diese Welt erschaffen hat: den alten Mann im Dunkel…
Es ist klar, Paul Auster rechnet in diesem Buch mit der kriegstreiberischen Amtszeit von George W. Bush ab. Er spielt an auf die Unrechtmäßigkeit dieser Regierung und auf die Sinnlosigkeit des Krieges und verleiht so seinen eigenen Zorn Ausdruck. Gleichzeitig spielt er mit den Realitäten und greift so die Idee des Philosophen Giordano Bruno auf, der glaubte, dass das Weltall unendlich ist und so auch die Anzahl der belebten Welten.
Im Buch wechseln sich unsere Realität und die selbst erdachte Parallelwelt ab und lassen mich gebannt an den Seiten hängen. Verlust scheint in diesem Buch das Hauptthema zu sein: Verlust der Gesundheit, Verlust des Ehepartners, des Freundes, der Motivation, mit seinem Leben weiterzumachen. All das wird schnörkellos und mit klaren Worten beschrieben und lässt doch Raum für die Geschichte, engt sie nicht ein.
„Mann im Dunkel“. Mein erster Kontakt mit dem Autor Paul Auster. Und sicherlich nicht das letzte Buch, das ich von ihm lesen werde. Eine klare Leseempfehlung!

