Inhalt:
Der fragliche Tag begann für den gerade eben von einer schweren Krankheit genesenen Sidney Orr wie jeder andere Morgen auch: Mit einem Spaziergang. Doch an diesem Samstagmorgen betritt der Schritsteller ein seltsames Papiergeschäft und stösst auf ein wunderschönes blaues Notizbuch aus Spanien.
Das Heft hilt Sid, seine Schreibhemmung zu überwinden. Stundenlang sitzt Sidney in seinem Schreibzimmer und geniesst es, endlich wieder zu schreiben. Doch schon bald geschehen eigenartige Dinge. Sidneys Frau verhält sich plötzlich überaus merkwürdig, der Chinese Chang taucht in Sids Leben auf und ein drogensüchtiger Jugendlicher verschwindet...
Haben diese Geschehnisse etwa mit den Geschichten zu tun, die Sidney in das blaue Notizbuch geschrieben hat? Wie stark ist die Macht des Buches und wird alles je wieder gut werden?
Meine Meinung:
Wer Paul Auster liest, muss sich auf eine Gratwanderung zwischen Realität und Traumwelt einlassen. Ebenso verhält es sich mit "Nacht des Orakels", wenn auch hier die Abgründe nicht so offensichtlich sind.
Sidneys Geschichte liest sich rasch und flüssig und man erfährt vieles über seinen Alltag seit der Krankheit und über sein allgemeines Leben. Doch mehr und mehr verändert sich Sidneys Leben und viele geheimnisvolle Dinge geschehen. Auch als Leser fragt man sich, was seine Frau vor ihm zu verbergen hat. Es werden Fragen aufgeworfen, die nur auf einer Möglichkeitsebene gelöst werden. Was wirklich hinter den Dingen steckt - das bleibt dem Leser überlassen.
Obwohl sich Auster einer allgemein verständlichen Sprache bedient, ist das Buch doch nicht allzu leicht zu lesen, da sich das Buch auf verschiedenen Ebenen abspielt. Sidney erzählt seine Erlebnisse aus der Gegenwart und blickt in das New York der 80er-Jahre zurück.
Ausserdem wird man mit den Geschichten, die Sidney erfindet, konfrontiert und erlebt diese auch real als Binnenhandlungen mit. Daneben hat Auster viele Fussnoten in die Erzählung eingebunden, die weitere Erlebnisse berichten, leider jedoch den Lesefluss erheblich stören.
Leser, die weniger geübt sind, sollten sich die Namen und Geschichten während des Lesens eventuell nebenher notieren, um nicht in ein Durcheinander zu geraten.
Auster baut die Spannung gekonnt, aber nur unterschwellig, auf. Erst fragt man sich, was der Autor einem eigentlich erzählen will, doch immer mehr fragt man sich, was es nun mit dem Zusammenhang zwischen Notizbuch und Realität auf sich hat.
Jedoch wäre ich selber erst gegen Ende der Geschichte auf diesen Zusammenhang gestossen, wenn mich nicht der Rückentext darauf hingewiesen hätte. So konnte ich während des Lesens immer wieder vergleichen und mich fragen, welchen Einfluss das blaue Notizbuch nun auf Sidneys Leben hat. Aber auch ohne dieses Wissen wird der Leser früher oder später durch Sidney selber darauf hingewiesen, dass mit dem Notizbuch etwas nicht stimmt. Was es jedoch ist - das muss sich der Leser auch selber beantworten.
Somit spielt Auster wieder mit den Elementen des Traumes und unserer gewohnten Umwelt. Was sollte ein normales Notizbuch schon gross auslösen können? Doch in einer Welt des Paul Auster ist so einiges möglich und wer hat sich nicht schon einmal gefragt, ob eine gewisse Handlung zu etwas Grösserem geführt hat? In "Nacht des Orakels" führt dies jedoch direkt ins Chaos...
All diese Gedanken und Zusammenhänge wurden mir jedoch erst nach Beendigung dieses tollen Buches bewusst. Während des Lesens kam bei mir oftmals sogar Langeweile auf und ich fragte mich, ob ich das Buch wirklich gut finde. Als ich es jedoch ausgelesen und achtlos etwas beiseite geschoben hatte - da traf es mich. Das Buch liess mich nicht mehr los, immer wieder kehrte ich in die Geschichte zurück, fragte mich, was es mit den einzelnen Geschichten und Geschehnissen auf sich hatte, suchte Zusammenhänge, versuchte zu verstehen. Und da wurde mir bewusst:
"Nacht des Orakels" ist ein wirklich gutes Buch!
Die Faszination traf mich spät. Doch oft versank ich auch in den Geschichten, die Sidney schrieb. Ich schlug mir sogar die Hand vor den Mund, als er einen seinen Charaktere in eine ausweglose Situation brachte. Jedoch schien sich Sid damit selbst in eine ähnliche Situation gebracht zu haben...
Solche Zusammenhänge werden jedoch erst nach Beendigung der Lektüre klar, wenn man einen Blick auf das Grosse Ganze werfen kann.
Fazit:
Paul Auster hat mich ein weiteres Mal nicht enttäuscht und kann sich unter den raren Vertretern von "Jaris Lieblingsautoren" halten. Diesmal wurde ich zwar nicht von den eigentlichen Geschehnissen im Buch und der Sprache mitgerissen, wie es bei "Mann im Dunkel" war, doch nachdem ich "Nacht des Orakels" ausgelesen hatte, wurde mir klar, wie sehr ich Paul Austers Bücher liebe.
Auster ist nicht für jedermann zu empfehlen. Leser von Haruki Murakami werden auf ihre Kosten kommen, da beide Autoren auf eine Gratwanderung zwischen Realem und Nicht-Existentem einladen. Wer solche Bücher nicht mag, sollte von beiden Schriftstellern die Finger lassen. Wer sich jedoch auf eben diese Mysterie des Normalen einlassen kann, wird voll auf seine Kosten kommen.