Inhalt:
Rudolf Born. Das ist der Name des Mannes, der das Leben des jungen Studenten Adam Walker für immer verändern wird. Wir schreiben das Jahr 1967, Adam hat gerade erst Freundschaft mit Born geschlossen und ein Auge auf dessen geheimnisvolle Freundin Margot geworfen.
Rasch beschliesst Born, dass er Walker fördern möchte und überlässt ihm einen grossen Auftrag. Doch ein tragischer Vorfall beendet die Freundschaft der beiden Männer. Born flieht nach Paris, wo er unbehelligt weiterlebt. Trotzdem, oder gerade deswegen, beschliesst Adam, ebenfalls nach Paris zu reisen. Schon bald muss er jedoch feststellen, dass Born ihn für immer in seinen Fängen hält...
Fast vierzig Jahre später liegt Adam im Sterben und beschliesst, zum ersten Mal das Schweigen zu brechen.
Meine Meinung:
Paul Auster hat mit "Unsichtbar" ein geniales Werk geschaffen, auch wenn es mich nicht mit der gleichen Wucht gepackt hat, wie z.B. "Mann im Dunkeln". "Unsichtbar" entfaltet seine wahre Wirkung erst nachdem man es ausgelesen hat.
Das Buch ist in sehr unterschiedlich gestaltete Kapitel aufgeteilt. Da ist einmal die Geschichte um die Erlebnisse des jugnen Adam, die in die Teile "Frühling", "Sommer" und "Herbst" aufgeteilt sind und alle aus unterschiedlichen Sichtweisen geschildert ist.
Dazu kommt Jims Part. Dieser studierte mit Adam und erhält vom sterbenden Walker das Manuskript zugeschickt. Jim berichtet selber von seinen Bemühungen, wieder mit Adam in Kontakt zu kommen und das Manuskript zu veröffentlichen.
Auf diese Weise hat Paul Auster ein wahres Kaleidoskop geschaffen, das einen immer wieder auf eine andere Art und Weise anspricht. Dabei sticht vor allem "Sommer" heraus, in dem Adam Walker die zweite Person Einzahl benutzt und ein grosses Tabuthema behandelt.
Das grosse Thema des Romans jedoch ist die Lüge. Und dies wird in allem möglichen Variationen dargeboten. Wer ist Born? Ist er gut, böse oder verrückt? Lügt Adam selber, wenn er die Geschehnisse in "Sommer" berichtet?
Nein, eine Antwort erhält der Leser nicht unbedingt. Oder gar nicht. Das hat Auster noch nie gemacht und ab dem Moment, in dem Auster seinen Lesern die Antwort auf dem Silbertablett reicht, wird Auster nicht mehr Auster sein, wie ich ihn liebe.
In "Unsichtbar" wird der Leser nach allem Regeln der Kunst an der Nase herumgeführt, bis er gar nicht mehr weiss, was er selber denken soll. Aber wenn noch nicht einmal der Leser weiss, was es mit Born auf sich hat, wie soll es denn erst der arme Adam wissen?
Bei aller literarischen Grösse hat das Buch leider auch einige Strecken und Szenen, in denen ich kurz davor war, das Buch wegzulegen, weil ich sie einfach für überdramatisiert hielt. Deshalb kann ich mich auch den vielen Stimmen nicht ganz anschliessen, die sagen, dass "Unsichtbar" Austers bestes Werk ist. Dafür ist es oft zu langatmig geraten und ist auch mit zu vielen irrelevanten Geschehnissen ausgestattet.
Doch lebt das Buch vor allem durch die Figuren, die sehr komplex ausgestattet sind. Natürlich sticht Born heraus, aber auch Margot gibt Rätsel auf. Auch auf Adam muss man sich erst einmal einlassen. Man kann es vielleicht so ausdrücken, dass das ganze Buch ein riesiges Rätsel darstellt.
Adam selbst ist, wie die meisten von Austers Protagonisten, ein Literat. Jedoch fand ich es doch etwas übertrieben, was dieser junge Student alles an seltsamen Werken der Weltliteratur gelesen haben soll.
Austers Schreibstil weist ihn als Meister aus. Er vermag mit seiner Wortwahl Dinge zu verhüllen und die Verpackung gerade so weit aufzureissen, dass wir als Leser einen kurzen Blick auf den Inhalt bekommen. Mehr nicht.
In "Unsichtbar" bedient er sich einer gemächlichen Sprache, die nichts von der Unruhe der Zeit wiedergibt, in der die Geschichte spielt. Dass die Unruhen der 68er-Generation wenig bis nicht thematisiert werden, fand ich etwas schade, aber in Austers Werk geht es auch nicht um rebellierende Jugendliche, sondern um einen jungen Mann, der in seinem Innersten nicht mehr weiter weiss und sich beinahe selbst aufgegeben hat.
Fazit:
Ein Roman, der mit einer Komplexität aufwartet, die man während des Lesens vielleicht noch nicht ganz begreift. Auster ist ein Autor für Leser, die sich nicht davor scheuen, nachzuforschen und Rätsel zu lösen. Wer das Buch einfach bloss liest, verliert einen wichtigen Teil des Werkes.
Wie immer bei Auster muss man sich darauf einlassen, in die Tiefe zu gehen und in die Psyche der Figuren einzutauchen. Wer solche Texte nicht mag, für den ist Auster nichts. Wer genau dies an einem Text mag, sollte noch heute hingehen und Paul Auster lesen.