Leser-Rezension zu „Das Matratzenhaus” von Paulus Hochgatterer

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mehrsonntag mehrsonntag
Verfasst von mehrsonntag
am 5.12.2011
 

Paulus Hochgatterer schafft es in seinem Matratzenhaus wieder, nach der "Süße des Lebens" ein heimatliches Idyll namens Furth im Wald in seinen Grundfesten zu erschüttern und mit der aus der Süße des Lebens bereits eingeführten Personenriege ein dramatisch feinfühliges Gerüst zu zimmern, an dessen Aufbau und Einsturz der Leser teilhat. Die bittere Ironie tropft einem aus quasi jeder Seite entgegen. Die Innenwelten der Bewohner des beschaulichen und religiös angehauchten Städtchens präsentieren sich in tiefgründigen Gedankengängen und offenbaren die Unperfektheit des Lebens und der Menschen.
Wer schlägt Kinder? Menschen, die bei offener Klotür pinkeln.
"Eine gut gepflegte Zwangsstruktur ist der Motor der europäischen Gesellschaft. Das Trimmen des Rasens, das Formulieren von Nahrungsmittelstandards und das Einsperren der Menschen in das Korsett eines uniformen lebenslangen Lernens; etwas mehr infantile Oralität in Italien, mehr aggressiver Narzissmus in Frankreich und in Österreich diese freundliche Variante der Bösartigkeit, die in Wahrheit nichts anderes darstellt als die Abwehr der Gewissheit einer permanenten Erektionsschwäche. 'Bei und vögelt man nicht so gerne, bei und geht man lieber in die Kirche oder auf Elternsprechtage und hintennach macht man andere Leute fertig'"
Die Suche nach einer "schwarzen Glocke" beschäftigt Kovacs, der nebenbei seine eitrige Wunde am Arm, die er sich bei der Inspektion eines Tatorts zuzog, mit Chili, Kreuzkümmel und einer Mischung aus verschiedensten bunten orientalischen Gewürzen verarzten lässt. "Andere haben Liebhaber, ich habe Frauen, die mir den Arm verbinden."
Der Psychologe Horn, der sich mit der Erziehung seiner postadoleszenten Kinder überfordert fühlt, bereichert die Handlung immer und immer wieder mit widerspenstigen Gedanken und Äußerungen, die einem teilweise das Lachen im Hals stecken bleiben lassen und ist doch so sympathisch, wie man es sich von einer Romanfigur nur wünschen kann.
"Es gibt Tage, an denen war es besser, nicht gesehen zu werden."
Menschlichkeit wird groß geschrieben im "Matratzenhaus", die fieberhafte Suche nach Tätern und Opfern beschäftigt Leser und Handelnde über die Maßen.
Wunderbare Wortspielereien - ein Krimi, der im eigentlichen Sinne keiner ist, ein Sittengemälde, auf das man lieber nicht blicken möchte, aus Furcht, sich selbst darin zu entdecken.
Das Unausgesprochene ist immer das Wirksame.
Großartig.
Großartig.

 

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Das Matratzenhaus Das Matratzenhaus
Paulus Hochgatterer

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Das Matratzenhaus
von Paulus Hochgatterer

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