Leser-Rezension zu „Der zweite Code” von Peter Spork
am 30.12.2010
Neue wissenschaftliche Erkenntnisse schwächen die Annahme von genetischer Determiniertheit deutlich ab: Der Mensch ist nicht Sklave seiner Gene. Er besitzt die Macht, nachhaltig Einfluss auf die eigene Entwicklung und die seiner Nachkommen zu nehmen. Ernährung, Liebe, Hormone, Nikotin, Stress, Klima, Folter und Sport, um nur einige Faktoren zu nennen, können unsere Zellen umprogrammieren, ohne den genetischen Code zu ändern. Weitere molekularbiologische Informationen müssen also vorhanden sein, welche nachträglich die Genaktivität steuern. Sie bilden neben dem ersten genetischen Code das so genannte Epigenom. Dieser zweite Code, nach dem das Buch benannt wurde, definiert die Bestimmung einer Zelle und diktiert, welches Gen zu welcher Zeit aktiv ist. „Es ist die Software, die den Zellen hilft, die Hardware – also ihre Gencode – richtig einzusetzen“, beschreibt Spork bildlich das Verhältnis von Genom und Epigenom. Die Gensteuerung erfolgt mittels epigenetischer Schalter, welche sich gezielt an bestimmte Stellen des Erbguts anlagern. Alleine die Existenz solcher Regulierungsmechanismen hat unter Fachleuten für Aufregung gesorgt. Die Entdeckung, dass epigenetische Programme gespeichert und mit vererbt werden können, wird als Sensation gefeiert. Doch hat diese Erkenntnis einen Nutzen außerhalb des Elfenbeinturms? Zwar steckt Epigenetik noch in den Kinderschuhen, ihr therapeutisches, pharmazeutisches und präventives Potenzial ist bereits heute unumstritten. Erkrankungen wie Krebs, Diabetes und Altersdemenz könnten in Zukunft mit epigenetischen Medikamenten, welche die Gene der Zellen modifizieren, behandelt werden.
Das Wissen um die Flexibilität unserer Gene sowie die Wechselwirkung zwischen Genen und Umwelt, legt Freiheit und Verantwortung in Hände des Menschen. Freiheit, das eigene Befinden, eigene geistige und körperliche Gesundheit selbst zu gestalten. Verantwortung, die Entwicklung und Gesundheit kommender Generationen durch negative epigenetische Prägung nicht zu gefährden.
Fazit: Genetik ist ein schwer zu durchdringendes Terrain und es bedarf didaktischen Könnens, dieses eingängig und spannend aufzubereiten. Peter Spork hat den Spagat zwischen Wissenschaft und Unterhaltung mit Bravour gemeistert. Ideal für den Einstieg in die faszinierende Welt der Molekularbiologie.

