Geschichten von Geschichten von Ideen, die auf der Straße liegen
Der neue Erzählband „Seerücken“ von Peter Stamm
Eines der Mädchen schafft den Anschluss nicht, fällt immer mehr zurück. Es scheint nicht aufzufallen, dass sie zurück bleibt. Die anderen sind längst außer Sichtweite. Das Mädchen bleibt stehen, schaut sich um. Von Wald umgeben, ringsum Stille. Die vor ihm liegende Nacht wird die erste von vielen im Wald sein. Drei Jahre werden es, bis der Jäger das Mädchen bemerken wird. Es heißt Anja und ist die Protagonistin in einer der zehn Erzählungen aus Peter Stamms „Seerücken“. „Immer hatte Anja versucht, jemanden einzuholen“ charakterisiert der Autor sie in einer einzigen Zeile, die nachgerade als Quintessenz der Geschichte gelten kann. Anja wird die anderen nicht einholen, auch wenn sie sich dafür anstrengt. Hatte sie ehemals im Wald oder in Büchern der Beengtheit entfliehen können, so gelingt ihr dies zunehmend weniger. Anja zieht sich in sich selbst zurück, erschafft sich eine eigene Welt, in der ihr noch einmal der Jäger begegnen wird.
Anja ist nicht die einzige Figur mit Fluchtbereitschaft in den Erzählungen von Stamm. Da gibt es in „Eismond“ den Pfeife rauchenden Pförtner Albert Biefer, der als Rentner nach Kanada auswandern möchte, um dort ein Blockhaus zu bauen. Das Grundstück hat er längst gekauft, der Visumantrag wird bewilligt. Doch kurz nach seiner Pensionierung sitzt Biefer dann doch wieder im Pförtnerhaus des alten Fabrikgeländes. Was wird aus seinen Plänen? Was wird aus ihm?
Oder Hermann, der den Koffer für den Krankenhausaufenthalt seiner Frau Rosmarie packt. Nach einem hirnchirurgischen Eingriff liegt sie in einem künstlichen Koma, heruntergekühlt. „Sie haben sie kalt gemacht“ denkt er bei ihrem Anblick. Den gepackten Koffer soll er wieder mitnehmen, seine Frau brauche nichts, wird ihm gesagt. So kommt es, dass er mit dem Koffer den erstbesten Zug nimmt und flieht. Weg vom Krankenhaus, der leeren Wohnung, fort von seiner Frau, von der er nicht weiß, ob sie den Koffer je noch brauchen wird.
Diese Fluchten, dieses Entrinnenwollen aus dem Alltag, einer Notlage sind, wenn nicht von Verzweiflung, dann doch von Resignation, Verlorenheit oder Wehmut begleitet. Aber es gibt auch die Flucht nach vorn. Sara, die ehrgeizige Klavierlehrerin, die endlich kurzerhand die Luftwurzeln ihres ausufernd wuchernden Philodendron zerschneidet und sich Raum schafft, nachdem sie gerade eine jahrelange Freundschaft beendet hat. „Weglaufen als eine heruntergekommene Form der Befreiung“ formulierte es der Kultursoziologe Heinz Steinert im Zusammenhang mit repressiven Verhältnissen.
Fast wäre auch Lydia geflohen, wenn der menschenscheue Gemüsebauer Alfons nicht doch noch Worte gefunden hätte. „Geh nicht, flüsterte er, geh noch nicht.“ In dieser Liebesgeschichte taucht der poetische Titel „Seerücken“ zum ersten Mal auf, der Name eines vom See abgewandten Gebietes in Bodenseenähe. Diese Erzählung hat ein gutes Ende, manch andere auch, doch die meisten haben ein offenes und lassen Fragen zurück. Doch dies ist ja gerade Sinn und Zweck des offenen Endes: die Geschichten spinnen sich im Kopf weiter, sind uneindeutig und können nicht so einfach ad acta gelegt werden. Sie machen unruhig, gar ratlos und bei manchen blättert man zurück, liest wiederholt, stutzt, ob man vielleicht etwas übersehen oder falsch verstanden hat. Die Erzählung „Im Wald“ schweift fast ins Mystische ab, verlässt den vorherigen Erzählrahmen, in dem alles noch nachvollziehbar, wenn auch seltsam eigen ist. Ist das Ende gar nur ein Traum? Eine Vorstellung? Ausdruck einer Psychose, einer verrückten Wahrnehmung? Oder doch Realitätsschilderung? Diese Fragen bleiben und sie dürften intendiert sein, schließen aber auch Missdeutungen, Missverständnisse ein, nämlich dann, wenn man sich vor einem klaren Ende scheut, wie Peter Suhrkamp einmal bemerkte. Das muss hier nicht zutreffen, aber ein wenig Unzufriedenheit ob der Lesart bleibt doch
Allen Erzählungen gemein ist das Motiv des Wassers, das sich durch das ganze Buch zieht. Schon im Titel klingt es mit, ist aber auch als See, Meer, Bach oder einmal als Schwimmbad präsent. Wasser als Quell des Lebens, als Teil und Kraft der Natur, wie auch der Wald, der mehrfach eine Rolle spielt. Als Gegensatz dazu das Neubau- und Industriegebiet in Autobahnnähe durch das Anja streift oder das alte Fabrikgelände am See, das von Investoren besichtigt wird, die bereits mit „großspurigen Handbewegungen ganze Gebäude abreißen und neue aufstellen.“ Natur und Landschaft usurpieren mittels Geld. Eine Form der Gewalt, die sich schon in der einen Geste auszudrücken vermag. Eine subtile Kritik aktueller Geschehnisse. Überhaupt beschreibt Peter Stamm sehr präzise, knapp, unprätentiös und nüchtern, ohne feine Details auszulassen, die für die Handlung, die Charaktere von Belang sind.
Die letzte Erzählung “Coney Island“ mutet fast wie eine Aufgabe, eine Fingerübung in einem Kurs für kreatives Schreiben an. Sie hat ein anderes Tempo als die übrigen. Nicht nur minutiös, sondern nahezu in Zeitlupe beschreibt sie das Rauchen einer Zigarette. Der Verdacht kommt auf, dass diese sehr kurze Geschichte noch hinzugenommen wurde um zehn beisammen zu haben. Bestärken könnte dies die exakte Datierung im Text, sofern diese nicht fiktiv ist: „Es ist zwanzig vor drei am einundzwanzigsten Oktober Zweitausendundzwei.“ Seit diesem Zeitpunkt nämlich hat Peter Stamm bereits vier weitere Bücher veröffentlicht, „Seerücken“ ist nun sein neuntes.
Man ist dabei, bei den Geschehnissen von Stamms Erzählungen. Aber es bleibt immer eine wohltuende Distanz – selbst dann, wenn diese in der ersten Person verfasst sind. Man ist zugegen, aber nie so nah, dass man keine Sicht mehr auf die Figuren hätte.
Schließlich ist in „Sweet Dreams“ gar der Autor selbst anwesend, als Mitfahrer ihm selben Bus wie Lara und Simon. Ein kurzer Blickwechsel mit Lara beim Aussteigen. Am Abend wird sie den Mann auf dem Monitor wieder erkennen, er ist Autor. Er berichtet von einem Paar, das er im Bus gesehen hat. Ein selbstreferenzieller Bezug, ja fast eine „Mise en abyme“. Auf die Frage des Fernsehmoderators nach den Ideen seiner Geschichten, sagt der Autor: “Die lägen auf der Straße.“
Das sagt auch der Schweizer Schriftsteller Peter Stamm in einem Interview im Internet. Glauben wir ihm.
Peter Stamm: Seerücken. Erzählungen. S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main 2011. 192 Seiten, 18,95 Euro