Ricercare über das Mutterliebesuchen…
Peter Wawerzinek hat 2010 mit einem Ausschnitt seines Romans „Rabenliebe“ den Ingeborg Bachmann Preis und dazu gleich auch den Publikumspreis gewonnen. Nun ist der Roman fertig, erschienen und auf der Longlist des Deutschen Buchpreises.
Eine gewaltige Auseinandersetzung mit dem eigenen Leben ist es geworden. Das Trauma, von der Mutter in der DDR zurückgelassen zu werden, während die Mutter in den Westen flüchtete, hat den Autor fünfzig Jahre beschäftigt. Das Resultat ist ein riesiges, großes, fesselndes, teilweise aber auch wirres, schwer nachvollziehbares Buch, dass sich am Ende doch als enigmatisches, persönliches Loswerden der Erzählung entpuppt und sich, wie viele große Bücher, dem Leser auf gewisse Art und Weise auch entzieht.
Fast vierhundert Seiten dauert es, bis der Protagonist seiner leiblichen Mutter gegenübersteht. Fast vierhundert Seiten, die ein permanentes Kreisen, ja eine Art Verzetteln vermitteln, das scheinbar nur dem Zwecke dient, die Zusammenkunft mit der leiblichen Nichtmutter so lange wie möglich hinauszuzögern. Mit dem Muttertreffen ist die Spannung weg, das Material verpufft, der Leser (wie der Autor) erleichtert. Es kann weiter gehen.
„Schnee ist das Erste, woran ich mich erinnere. Verschneit liegt rings die ganze Welt, ich hab nichts, was mich freuet, verlassen steht der Baum im Feld, hat längst sein Laub verstreuet, der Wind nur geht bei stiller Nacht und rüttelt an dem Baume, da rührt er seinen Wipfel sacht und redet wie im Träume.“
Dieser erste Satz löst eine wahre Flut an suchender, ständig abschweifender Muttersuche- und Waisenkindprosa aus. Eine Prosa, der man gebannt und begeistert folgt. Man spürt, wie wichtig es dem Autor mit diesem Text ist, ein Text, der so persönlich, wie er ist, auch kaum zu rezensieren ist, da sich das persönlich Erlebte der Beurteilung entzieht.
„Im Heim verabreichen sie den Kindern auf Löffeln gegossen braunen Lebertran. Mir wird schlecht davon. Ich kann das Zeug nicht schlucken, muss mich übergeben. Und immer wird der Lebertran nachgeschoben. Das erste Stück Räucheraal spucke ich auf den Tisch der Adoptionsküche. Aus dem Heim in die Traubenzeit geschickt, ist das Schmalhansleben ausgestanden, eingetauscht gegen die paradiesische Üppigkeit der Mahlzeiten an der Tischlereifesttafel und Anfasser genannte Keulen der Weihnachtsgans. Ich bewältige ihre Festessen nicht…“
So groß ist die Sehnsucht nach der unbekannten Mutter, dass der Protagonist die Umstände seines Lebens neu erfindet, so verschwimmen die Grenzen zwischen Realität und der kindlichen Wunschwahrnehmung. Heimalltag, das Aufwachsen des jungen Protagonisten, erste Küsse, Briefmarkentausch, die verhinderte Adoption der Köchin durch ihren Busfahrermann, was im jungen Protagonisten einen fast ewigen Busfahrerhass auslöst, eine schief gelaufene Adoption und eine erfolgreich verlaufene Adoption lösen im Erzähler, der das Buch rückblickend erzählt, unterschiedliche Gefühle aus.
Wawerzineks assoziative Prosa ist im Verlauf des Buches immer knapp davor, den Leser mit einer Überfülle an Informationen und ihrer sprunghaften, von Einem ins Andere springenden Entwicklung wegzuschwemmen, aus dem Buch zu stoßen. Scheinbar willkürlich gesetzte Einschübe, eine Logik konnte ich bei bestem Willen nicht finden, mit Zitaten aus Zeitungsmeldungen über gesuchte, ermordete, vernachlässigte, vergewaltigte und anderen widrigen Umständen ausgesetzten Kindern, oder Auszügen aus dem (Deutschen) Recht bei Adoptionsverfahren dienen als kurze Unterbrechungen, als Momente des Durchatmens, des Sammelns von Kraft; Kraft, die man für den nächsten Prosaschwall braucht.
Die emotionale Entfernung und Spießigkeit der Adoptionseltern, der ständige innere Kampf gegen dieses Leben, mit der Adoptionsoma als einziger Verbündeten prägt den Erzähler mehr als er zugeben will. Seine Beziehung zum weiblichen Geschlecht scheint durch diese Jahre geprägt zu sein, jede seiner drei im Roman angeführten Beziehungen ist kürzer als die vorige, bis sie quasi gar nicht mehr wichtig sind.
Interessanterweise lässt Peter Wawerzinek das Thema DDR links liegen, berührt es nur peripher, nur dort, wo es sich gar nicht vermeiden lässt, wie beim Wehrdienst zum Beispiel, als der Protagonist zum Grenzschutz eingeteilt wird, einen Fluchtversuch plant und schon in der Zwischenzone ist, bevor er umkehrt.
Nach dem Mauerfall dauert es noch einige Jahre, bis der Sohn, obwohl er längst Adresse und Telefonnummer der Mutter hat, diese auch wirklich kontaktiert und zu ihr fährt.
Das Muttertreffen verläuft kühl, ohne Interesse der Mutter oder auch des Sohnes. Was sich vorausahnen ließ, ist eingetreten.
„Ich war ein Idiot, denke ich, als ich mich entschlossen habe, zur Mutter zu fahren. Ich war ein Idiot, als ich mich habe nicht adoptieren lassen wollen. Ich war ein Idiot, als ich den Schlaumeiern zuzuhören begann, die mir einzureden versuchten, ich wäre beim Ringen ums menschliche Seelengleichgewicht auf der Verliererstrecke, wenn ich nicht zur verlorenen Mutter zurückfinde. Ich hätte durch den Muttermangel bereits sichtbaren Schaden genommen, müsse wettmachen, die Mutter aufspüren, den tiefen Graben zwischen uns überbrücken, unbedingt auf die Mutter zugehen, sie in die Arme schließen, dass sie ruhig sterben könne…“
Leicht macht es Peter Wawerzinek dem Leser nicht, man muss schon immer wieder eine gehörige Portion Geduld zur Verfügung haben, um über einige Längen im zweiten Teil hinwegzukommen. Nichtsdestotrotz entschädigt das Gefühl, das man am Ende, nach dem letzten Satz hat. Ein in dieser Form seltenes Glücksgefühl, diesen (autobiographischen) Roman gelesen zu haben, dadurch quasi passiv Teil dieser Geschichte geworden zu sein.
„Rabenliebe“ ist ein eigenwilliger Roman, nicht leicht zu lesen, nicht perfekt, aber ganz große Literatur.