Leser-Rezension zu „Die Zarentochter” von Petra Durst-Benning
am 8.05.2010
Konnte mich nicht zufriedenstellend überzeugen
Olga (Olly) Romanowa ist die zweitälteste Tochter des Zarenpaars von Russland. Sie wächst in einem der pompösesten Höfe Europas auf. Die Kinder lernen von klein auf Französisch, sprechen dafür aber kein Wort Russisch. Von den sozialen Problemen ihres Reiches werden sie abgeschottet und erleben das Volk nur als undankbar, dass ihrem Vater mit Rebellenaufständen das Leben schwer macht. Für die Mädchen dreht sich alles um die Einführung in die Gesellschaft, Bälle und die Suche nach dem politisch günstigsten Ehemann. Daneben interessiert sich Olly jedoch auch für Steine und Mineralien und sehnt sich nach karitativen Tätigkeiten um der Oberflächlichkeit des Hofes zu entkommen. Bis sie sich eines Tages in einen jungen Mann verliebt, der nicht den Ansprüchen der Eltern genügt. Nun muss Olly feststellen, wieviel Einfluss andere auf ihr Leben nehmen, um es in die vom Zaren erwünschte Bahn zu lenken.
Auch wenn Olly wiederholt gegen die Oberflächlichkeit des Hofes wettert, habe ich als Leserin sie selbst als ebenso oberflächlich empfunden. Irgendwann interessiert sie sich selbst nur noch für die beste Partie unter den europäischen Prinzen. Und auch wenn sie immer wieder das "unselige Heiratskarussell" verdammt, mischt sie doch munter mit. Um sich dem zu entziehen, verlobt sie sich mit Stephan von Österreich. Und obwohl sie behauptet, das nur getan zu haben, um ihre Ruhe vor der Partnersuche zu haben, ist sie obsessiv damit beschäftigt, wann sie ihn endlich kennenlernen kann. Auch hier dreht sich bei Olly und ihren Schwestern vieles darum, ob die angebotenen Männer gut aussehen. In meinen Augen kommt besonders Ollys karitatives Interesse - zumindest in diesem Buch - ziemlich kurz, und wenn es erwähnt wird, wirkt es irgendwie gekünstelt. Insgesamt bin ich eigentlich mit keinem der Charaktere warm geworden. Sie wirkten distanziert, kühl und oberflächlich. Und wenn ihnen etwas zu Herzen ging, wurde es irgendwie doch einfach mit einer Bemerkung zur Seite gewischt. Auch in den Szenen mit Liebeskummer konnte ich einfach nicht mitfühlen, weil sie nicht eingängig geschildert waren. Zudem geben die Charaktere ständig Lebensweisheiten und Platitüden von sich. Die einzige, die in Teilen überzeugenden Charakter zeigte, war Mary, obwohl sie nicht wirklich als liebenswerte Person herüberkam.
Insgesamt konnte mich das Buch - vor allem aufgrund seiner oberflächlichen Charaktere - nicht überzeugen. 400 Seiten Suche nach einem Ehemann waren für mich keine tiefgründige Geschichte. Die sozialen und politischen Zustände im Russland Anfang des 19. Jahrhunderts kamen mir zu kurz. Dieses Buch ist eindeutig ein historischer Roman für Frauen, aber dafür fehlte mir eindeutig die Emotion. Trotzdem bin ich vom Ausmaß der Recherche der Autorin angetan und werde auch den zweiten Band um die russische Großfürstin Olga lesen, um mir danach ein abschließendes Urteil zu bilden, ob ich weitere Bücher der Autorin lesen werde.

