Rezension verfasst vor 1 Jahr
(5)
Ich hatte mich ziemlich gefreut, diesen Autor auf einem Buchabend meiner Buchhändlerin vorgestellt bekommen zu haben. Normalerweise habe ich nämlich ein Problem - während Krimis mir zu realistisch und deshalb dröge sind, hat sich die Mysteryschiene mit übersinnlichen Phänomenen fast ausschließlich der Romantasy verschrieben.
Hier gibt es nun eine Krimihandlung, in die eine Mysterygeschichte mit übersinnlichen Phänomenen eingebettet ist.
Hauptpersonen sind die Pfarramtsvertreterin Merrily, die einen neuen Job in einem englischen Dorf annimmt und deshalb mit ihrer Tochter Jane in das alte Pfarrhaus zieht.
Gut gezeichnet sind die schrulligen Dorfbewohner mit ihren Geheimnissen, Eigenheiten und teilweise traditionellem Misstrauen gegenüber Fremden.
Leider zieht sich Merrilys und Janes "Ankommen" und Kennenlernen der Charaktere fast bis zur Mitte des Buches, ohne dass sich dabei ein besonderer Spannungsbogen aufbaut bzw. ein Mord geschieht. Vielmehr erfahren wir, dass Merrily ein Trauma zu verarbeiten hat, da ihr Ex-Mann mit seiner Geliebten gegen einen Baum gefahren ist, wobei beide ums Leben kamen. Gut gezeichnet ist hierbei der Charakter von Jane, die einem störrischen Teenager ziemlich nahe kommt. Merrily steckt zudem in einer Glaubenskrise, was zwar glaubwürdig ist, aber vielleicht ein wenig zu stark aufgebauscht wird. Gewürzt ist der ganze Teil noch mit dem Aberglauben der Dorfbewohner, welche sich vor dem traditionellen Cidre-Apfelgarten fürchten, in dem sich vor Jahrhunderten eine Tragödie abgespielt hat.
Ab Mitte des Buches zieht die Handlung an, Janes Freundin verschwindet, einige Protagonisten scheiden auf seltsame Art und Weise aus dem Leben.
Fortan schreitet das Buch sowohl auf die Aufklärung des seltsamen Todes des Pfarrers Wil Williams zu, der sich vor Jahrhunderten im Apfelgarten erhängt hat, sowie auf die Aufklärung, was denn mit Janes Freundin geschehen ist. Das ist eigentlich spannend, leider verliert sich der Spannungsbogen aber oftmals in ausgeprägten Dialogen, welche der Bildlichkeit der Geschichte schaden. Janes Charakter bekommt m. E. zudem ein paar zu unrealistisch spirituell erleuchtete Züge. Gegen Ende trägt der Autor m. E. etwas zu dick und gezielt "sensational" auf, was die "traditionellen Praktiken" einiger alteingesessener Dorffamilien angeht.
An vielen Stellen habe ich das Gefühle, der Stil des Buches ist weniger "Show, don't tell", sondern "Tell, don't show." Die Gespräche und Dialoge ermüden hin und wieder.
Trotzdem ist das Buch sehr komplex, da es auf mehreren Ebenen arbeitet - der Gegenwartskriminalfall, der historische Kriminalfall und zudem die unrühmliche Vergangenheit des Landandels, der mit beiden Fällen in Verbindung steht.
Als Fazit - ich fand es nicht schlecht, aber stilistisch oftmals zu dialogstark. Mehr Bildlichkeit hätte ich mir gewünscht.
Trotzdem werde ich mir den 2. Teil durchlesen, den ich schon hier liegen habe - denn vielleicht war es auch einfach nicht meine Geschichte. Die Idee hinter dem Genremix und die Komplexität haben mir eigentlich gut gefallen, und so hoffe ich, dass ich mit dem 2. Teil wärmer werde.
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