Über das Buch:
Merrily Watkins ist Pfarrerin der anglikanischen Kirche und Mutter einer pubertierenden 16 jährigen Tochter (Jane). Sie soll vom Bischof zur "Beraterin für spirituelle Grenzfragen" ernannt werden. Was sich da so modern anhört ist nur eine schöne und neue Bezeichnung für einen (in diesem Fall weiblichen) Exorzisten. Sie ist sich nicht wirklich sicher, ob sie dieses Amt annehmen will, als sich seltsame Begebenheiten häufen, eine Kirche wird verwüstet, in Ihre Kirche wird eingebrochen, zwei Todesfälle geschehen unter mysteriösen Umständen und auch ohne "Exorzismen" hat sie als Gemeindepfarrerin von Lewardine schon mit einigen Anfeindungen, seitens der lieben Gemeindeschäfchen, oder auch von den männlichen "Kollegen", zu kämpfen.
Nicht nur damit muss sich Merrily herumschlagen, auch ihre Tochter ist in einem Alter in dem sie neues probieren will und gegen die christlich verwurzelte Mutter aufbegehrt.
Meine Meinung:
Das Buch ist ein "halber Fehlkauf", ich wollte eigentlich den ersten Band von Phil Rickmans Krimis um Merrily Watkins kaufen, habe mich aber leider vergriffen und den zweiten Band gekauft. Anscheinend konnte ich auch deswegen nicht so gut ins Buch einsteigen, der Anfang war für mich verwirrend, etwas langatmig und es ist eines der wenigen Bücher die ich (mehrmals) nach ein paar Seiten wieder für einige Wochen weggelegt habe.
Ermittelnde Geistliche sind in Literatur und Film nichts neues, eine Pfarrerin als ermittelnde Hauptfigur kannte ich jedoch noch nicht. Das Buch bietet eigentlich alles was ich mag - England als Schauplatz, eine düstere und mysteriöse Grundgeschichte, ein wenig Mystik, etwas (aber nur sehr, sehr wohldosiert) Horror, verschiedene Weltanschauungen und auch etwas neues, denn mit der anglikanischen Kirche habe ich mich eigentlich noch nie (freiwillig) beschäftigt (düster kann ich mich an meine Schulzeit erinnern) und eine sympathische Hauptfigur. Alles eigentlich ganz nach meinem Geschmack, eigentlich müsste ich begeistert sein, aber es hat nicht funktioniert, das Buch hatte alle Voraussetzungen und es hat mir auch einigermaßen gefallen, aber es hat mich nicht begeistert. Was Phil Rickman allerdings wirklich gelungen ist, ist die düstere Stimmung, bzw. Atmosphäre für den Leser zu transportieren.
"Mittwinternacht" ist der zweite Band einer englischen "Mystery-Krimi-Reihe" rund um die Pfarrerin Merrily Watkins. Es ist prinzipiell nicht notwendig, aber wahrscheinlich besser, den ersten Band "Frucht der Sünde" gelesen zu haben. Inzwischen ist auch der dritte Band dieser Reihe erschienen, "Die fünfte Kirche".
Die Umschlaggestaltung hat mir gefallen, passend zu einem düsteren Roman und einer Exorzistin, der Klappentext verrät allerdings eigentlich schon die ganze Geschichte, viel besser kann man das Buch eigentlich nicht zusammenfassen - viel mehr wird nicht daraus gestrickt - also besser nicht lesen.
"Mittwinternacht" ist in ruhigem Ton geschrieben, verzichtet auf übertriebene Effekthascherei und hat trotz häufiger Wechsel der Schauplätze (leider) recht wenig Tempo - zu viele Beteiligte, an zu vielen Schauplätzen, die zu viele Geschichten haben. Alle Handlungstränge sind für sich gesehen durchaus interessant, aber in der Gesamtheit nicht ausgreift und ausgearbeitet, für meinen Geschmack hätte einiges weggelassen werden können, um die Haupthandlungsstränge stärker hervorzuheben und zu vertiefen. Das Buch hat sehr viel Potenzial, das nicht ausgeschöpft wurde.
Mir fehlte der rote Faden teilweise etwas - Spiritualität, Esoterik, Satanismus gegen konventionelle Religion, aber insgesamt auch zu oberflächlich beschrieben, um dem Leser irgendeinen, wenn auch nur einen kleinen, neuen Denkansatz zu liefern - einfach zu viele Baustellen, die "spirituellen Grenzfälle", eine esoterisch abgedrehte "Krähenfrau" (Moon), Merrilys Exfreund Lol, ein ehemaliger Psychiatriepatient, der sich im Auftrag eines Psychiaters um Moon kümmert, der Bischof, der Merrily zum einen anbaggert und zum anderen als (kirchen-) politische Schachfigur nutzen will, Verschwörungen, Strukturen der anglikanischen Kirche, die Mutter Tochter Beziehung, die auf eine harte Probe gestellt wird und das sind bei weitem noch nicht alle Geschichten, die man im Buch finden kann.
Auch mit dem Ende konnte Phil Rickman bei mir nicht punkten, alle Handlungsstränge laufen zusammen und fast alles wird aufgeklärt, aber es ist einfach alles etwas an den Haaren herbeigezogen und kaum glaubwürdig, oder sinnvoll - wobei ich im Zusammenhang mit Übersinnlichem grundsätzlich beide Augen in punkto Realitätsnähe zudrücke.
Ein Buch zwischen vielen Genres, ein wenig Krimi (die Todesfälle spielen eigentlich keine besonders große Rolle), etwas Esoterik, Mystery, Übersinnliches, Horror und Frauenroman. Es wäre wahrscheinlich besser gewesen, wenn sich der Autor für ein Genre entschieden hätte - Krimi mit Fokus auf den Morden, Horrorroman mit "richtigen Gruselmomenten" oder ein Frauenroman über eine attraktive Pfarrerin, die ihr Leben als Witwe und Alleinerziehende meistert.
Mein Fazit:
Das Buch hat mir (wahrscheinlich weil mich gewisse Themen und Inhalte ansprechen) gefallen, hat mich aber nicht wirklich überzeugen können, trotzdem werde ich dem Nachfolgeband eine Chance geben.