Mit Sicherheit ist es dieses Buch, das den amerikanischen Autoren Philip Roth, nicht nur aufgrund der Verfilmung, weltweit und auch besonders in Deutschland, bekannt gemacht hat.
Von vielen als "Altmänner"-Literatur verschrien, ist es ganz sicher kein Buch für jedermann und schon gar nicht für die Lektüre zwischendurch. "Kopflastig" würde Roths Schreibstil wohl treffend beschreiben, scheint er zu fabulieren um des Fabulierens willen und sich in Ausschweifungen zu ergehen, die mitunter den Lesespaß doch eher abträglich sind. Was macht also die Faszination dieses Buches aus bzw. rechtfertigt die vielen erhaltenen literarischen Preise? Ohne Frage ist dies wohl der Plot, der im Jahre 1998 angesiedelt, uns in eine Zeit zurückführt, wo man noch über einen amerikanischen Präsidenten ohne Bauchschmerzen schmunzeln konnte. Ein Mann namens Bill Clinton, dessen Makel es war nur ein Mensch zu sein und dessen Image durch eine für heutige Verhältnisse eher harmlose Sexeskapade nachhaltig beschädigt wurde. Roth hat dieses Thema zum Anlass genommen und sich zurück besonnen, um uns das persönliche Schicksal eines in Ehren ergrauten Professors für klassische Literatur nahe zu bringen.
Coleman Silk lebt den amerikanischen Traum bis eines Tages eine unbedachte Äußerung seinen auf Karriere bedachten Widersachern die Gelegenheit bietet, den Fall dieses großen Mannes herbeizuführen. Niemand schenkt den haltlosen Anschuldigungen Glauben, aber auch keiner unternimmt etwas zur Rehabilitierung des Professors. Am wenigsten Coleman Silk selbst. Er zieht sich geschlagen ins Privatleben zurück und beginnt nach dem Tod seiner Frau eine Affäre mit dem halb so alten Dienstmädchen Faunia Farley, die ihrerseits von der Vergangenheit in Form ihres Ex-Manns, eines rabiaten Vietnam-Veteranen, verfolgt wird. Als ihre Beziehung ans Licht kommt, stehen die Jäger von damals erneut zum Schuss bereit und Coleman, der seit über fünfzig Jahren mit einem großen Geheimnis, einer Täuschung lebt, sieht sich am Ende angekommen. Er bittet seinen Nachbarn, Freund und Schriftsteller Nathan Zuckerman darum, seine Lebensgeschichte aufzuschreiben und in seiner Gänze zu offenbaren...
"Der menschliche Makel" schafft es den Leser zum Nachdenken zu bringen, insbesondere auf den ersten fünfzig Seiten, wo auf einer einfachen Ebene Schuldgefühle, Unterstellungen und Probleme der Wahrnehmung behandelt werden. So stellt Silk nicht nur den Archetyp eines in Ungnade gefallenen Menschen dar, sondern gibt gleichzeitig Auskunft über die Lage der USA im Jahre 1998. Roth verdient hier großes Lob, da er einen beinahe schelmischen Blick auf die Sozialpolitik des Landes wirft, das vor dem Hintergrund der Lewinsky-Affäre ihres Präsidenten, vor Vorurteilen, aufgesetzter Moral und Heuchlerei nur so strotzt. Und so ist es im Prinzip nicht der Makel mit dem man geboren ist, der im Mittelpunkt steht, sondern vielmehr der, den sich die Menschen selbst zufügen.
Leider wird das Motto, "Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein", bis zu einem Punkt ausgereizt, wo die Aufmerksamkeit des Lesers abzuschweifen droht. Zu detailliert, beinahe penibel genau, werden Gedanken und seelische Zustände der Figuren erkundet, wohingegen so spannende Handlungsstränge wie die von Les Farley, nur oberflächlich ausgearbeitet werden. Roths Analysen der Menschen versanden somit immer wieder im Nichts und die komplizierte Handlung reduziert sich schließlich nur auf den Rahmen seiner Thesen. So vielschichtig die Figuren dann schließlich daherkommen: Der Leser bleibt stets auf Distanz, kann bis zum Schluss keine richtige Verbindung zu ihnen herstellen.
Insgesamt ist "Der menschliche Makel" ein zweifelsfrei äußerst intelligentes und wortgewandtes Werk, das aber den Anspruch eines Unterhaltungsromans aufgrund vieler langatmiger Passagen nur streckenweise erfüllt und mich auch im Ganzen erstaunlich kalt gelassen hat.