Philipp Meyer ist ein junger US-amerikanischer Autor, geboren 1974 in Baltimore/Maryland, und lebt heute in Texas. Nach diversen, sehr unterschiedlichen Jobs und einigen kleineren Veröffentlichungen seiner Prosa, ist "American Rust" sein Romandebüt.
Anfangs dachte ich, dass ich ein Buch aus einer anderen Zeit lese, ich dachte an raues Arbeiterklima, an Hobos und Zeiten, in denen weder Wanderarbeiter groß Rechte besaßen noch sonst jedwede Gewerkschaftsarbeit erlaubt war... Deshalb war ich auch ziemlich überrascht, als ich realisiert habe, dass "Rost" in unserer Gegenwart spielt. Die beiden Hauptfiguren könnten unterschiedlicher nicht sein: Isaac English ist eher ein intellektueller Einzelgänger, kommt aus einem relativ 'normalen' Elternhaus, hat sehr gute Chancen auf ein Studium und möchte nach dem Selbstmord der Mutter vor einigen Jahren und dem Weggang seiner Schwester in erster Linie dem trostlosen Leben mit seinem Vater in einer Kleinstadt nahe Pittsburgh/Pennsylvania, entkommen. Poe, sein guter Freund, ist nicht nur körperlich das glatte Gegenteil von Isaac: er ist stämmig gebaut und war bis vor zwei Jahren Tight End (eine nicht unwichtige Position) im Football-Team seiner Schule. Aber Poe kommt nicht in die Pötte - während alle damit rechneten, dass er bald in einem (Profi-) Team weiterspielt, hängt er lieber arbeitslos im abgewrackten Trailer seiner Mutter herum, trinkt Dosenbier und schiebt sämtliche Bewerbungen vor sich her... Als Isaac dann seinen Vater um das Startgeld für den großen Aufbruch gen Kalifornien bestiehlt und seinen Kumpel abholen kommt, ist der gar nicht mehr so sicher, ob er diesen Aufbruch überhaupt möchte. Sie kommen nicht allzu weit, da suchen sie in einem alten Fabrikgebäude Unterschlupf vor dem über sie hereingebrochenen Regen und treffen dort auf ein paar Obdachlose, die sich als die Bewohner der Baracke verstehen... Isaac erkennt die brenzlig werdende Situation für sich und seinen Kumpel - doch der will nicht wegen ein paar vermeintlich läppischer Handgreiflichkeiten kneifen. Und so kommt es zum äußersten: in Notwehr tötet Isaac einen Menschen. Der Verdacht der Polizei fällt auf Poe, den stärkeren der beiden, der zudem schon einmal in eine heftige Schlägerei verwickelt war - und dieser nimmt die Schuld tatsächlich auch auf sich... Während er also in den Knast geht, setzt Isaac seine Wanderschaft an die Westküste fort.
Währenddessen lernt man alle Protagonisten der Tragödie kennen: Isaacs Schwester Lee beispielsweise, die der Trostlosigkeit zwar entkommen ist, aber von Gewissensbissen geplagt wird - hat sie doch ihren kleinen Bruder mit dem pflegebedürftigen Vater einfach alleine gelassen. Oder Poes Mutter Grace, die schon längst weg sein wollte, weg aus dem heruntergekommenen Trailer, weg mit ihrem Sohn. Oder der Sheriff der Kleinstadt, Harris, der sich mit Poe schon einmal große Mühe gegegben hat. All diese Menschen sind geprägt von der Trostlosigkeit ihrer Situation und ihrer Umgebung - Depression, Arbeitslosigkeit, Zerfall, ja, sogar der Selbstmord von Isaacs Mutter nach dem Unfall des Vaters... Philipp Meyer beschreibt den Untergang einer einst - dank der Stahlindustrie - blühenden Region. Die Globalisierung der Arbeit begünstigt des Sterben dieser Region und schafft für die 'kleinen Leute', die dort leben, nahezu ausweglose Alltagssituationen.
Philipp Meyers Schreibstil wurde von der Washington Post mit der Tradition Hemingways, Steinbecks und McCarthys verglichen - anfangs war ich bei solchen Vergleichen mehr als skeptisch. Aber ich muss sagen, dass John Steinbeck mit "Von Mäusen und Menschen" nicht so weit entfernt ist - geht es immerhin um die Situation zweier Arbeiter, die auch von einem besseren Leben träumen - freilich zu einer anderen Zeit. Und auch Cormac McCarthy ist mit seiner düsteren Schreibe nicht weit weg, auch wenn er sicherlich einen lakonischeren, einen böseren Ton wählt. Meyer hat meiner Meinung nach einen großen Wurf gelandet - "Rost" ist kein einfaches Buch - es ist literarisch und es ist vor allen Dingen bedrückend. Sein Buch handelt von einer modernen Art von Schuld und Sühne, beleuchtet die Situation ganz normaler Menschen, die unter den Zwängen ihrer Zeit leiden, durch Arbeitslosigkeit, Sinn- und Hoffnungslosigkeit geprägt sind. Dabei ist Meyer klug und sozialkritisch, seine Figuren realistisch.
FAZIT: Kein Buch zum Weglesen, dafür eines mit Nachhaltigkeit und literarischem Können. Und auch wenn "Rost" in Pennsylvania spielt, so lässt es sich auch übertragen - in ehemals blühende Landschaften, die heute von Tristesse und Arbeitslosigkeit heimgesucht werden.