Leser-Rezension zu „Rost” von Philipp Meyer

Rezension als hilfreich gekennzeichnet: (5)

Siiri Siiri
Verfasst von Siiri
am 12.08.2011
 

Mein Eindruck:
„Rost“ ist ein Buch, das mir so viel mehr gab, als ich von ihm erwartet hatte. Ich hatte „nur“ ein paar Stunden kurzweilige Unterhaltung erwartet, doch bekommen habe ich so viel Stoff zum Nachdenken, dass das Buch vermutlich noch monatelang in mir nachwirken wird.
Zunächst war ich skeptisch, als ich die vielen „Lobeshymnen“ auf den Roman vorne im Buch sah, kamen sie mir doch maßlos übertrieben vor. Nach der Lektüre kann ich aber sagen: das viele Lob ist durchaus berechtigt und ich stimme allen positiven Meinungen zu.

Hauptthema des Buches ist natürlich die Freundschaft zwischen Isaac und Poe, und was ein schrecklicher Vorfall in einer alten Fabrikhalle mit dieser Freundschaft macht. Denn in dieser Fabrikhalle geschieht ein ungewollter Mord, den Isaac begeht, für den jedoch sein langjähriger Freund Poe im Gefängnis landet. Während der hochbegabte Isaac sich, wie schon lange erträumt, auf den Weg nach Kalifornien macht, um dort seinen Traum eines Astrophysik-Studiums zu verwirklichen, macht Poe im Gefängnis eine sehr schwere Zeit durch. Jedoch ist es Isaac nicht bewusst, dass sein bester Freund für ihn durch die Hölle geht, da er zu diesem Zeitpunkt schon unterwegs in sein neues Leben ist. Die ganze Zeit über bewegte mich die Frage, ob er in irgendeiner Weise vom Schicksal Poes erfahren wird. Die Antwort darauf werde ich aber natürlich an dieser Stelle nicht verraten.

Wie ein roter Faden zieht sich auch der Gedanke durch das Buch, dass ein jeder versuchen sollte, in eigener Verantwortung das Beste aus seinem Leben zu machen. Immer wieder wird von verpassten Chancen der Charaktere erzählt, von Gelegenheiten, die diese aus Furcht oder aus Antriebslosigkeit nicht wahrgenommen haben. Ich hatte den Eindruck, dass dies die Botschaft ist, die dem Autor am meisten am Herzen lag und die er dem Leser vermitteln möchte. Dementsprechend brennt in den meisten der Charaktere auch der Wunsch nach einer Veränderung in ihrem Leben. Ein weiteres wiederkehrendes Motiv, das eng damit zu-sammenhängt, ist die Vergänglichkeit des Lebens, derer sich Meyers Charaktere immer wie-der bewusst werden.

Eine weitere, sich durch den Roman ziehende Thematik ist der Untergang eines ehemals blühenden Industriestandortes. Beeindruckend und treffend zeichnet der Autor das Bild einer amerikanischen Kleinstadt, die erheblich unter dem Strukturwandel und der Globalisierung leidet und förmlich ausblutet. Auf eine ebenso kompetente als auch gesellschafts- und sozi-alkritische Art und Weise spricht der Autor immer wieder ökonomische und soziologische Probleme und Themen an. So leidet die Gegend unter einer hohen Arbeitslosigkeit, woraus sich wiederum eine hohe Armutsquote und als logische Folge eine hohe Kriminalität ergeben. Immer wieder spricht Meyer Einzelschicksale an, anhand derer klar wird, wie sehr die Menschen aus dieser Gegend unter der schlechten Wirtschaftslage leiden.

Der Autor hat die Fähigkeit, mit seiner Sprache Bilder zu malen. So konnte ich mir als Leserin sehr lebhaft die Kleinstadt Buell und ihr Umland vorstellen, mit ihrer einerseits sehr maroden industriellen Infrastruktur, die aber andererseits umgeben ist von einer wunderschönen Landschaft und von einer Natur, die sich gerade anschickt, sich ihr ursprüngliches Terrain wieder zurückzuerobern.

Das Buch ist eingeteilt in relativ kurze Kapitel, was ich als positiv empfand. In einem einlei-tenden, etwas längeren Kapitel lernt der Leser zunächst Isaac und Poe, die beiden Hauptfi-guren, kennen. In den folgenden Kapiteln nimmt er dann abwechselnd die Perspektive der verschiedensten Charaktere aus dem Umfeld der beiden Protagonisten sowie natürlich der beiden Protagonisten selbst ein.

Den Figuren fühlte ich mich schnell nahe und erkannte mich selbst in vielen von ihnen zu-mindest zum Teil wieder. Der Leser erhält einen ausführlichen Einblick in die Gedankenwelt der Protagonisten. Viele dieser Gedankengänge sind wohl jedem so oder ähnlich schon einmal durch den Kopf gegangen – und wenn nicht, dann wird dies mit Sicherheit nach der Lektüre der Fall sein. Dieses Buch bietet sehr viel Stoff zum Nachdenken über sein eigenes Leben.

Isaac selbst ist hochintelligent und hat eine sehr komplexe Gedankenwelt. Dies kann an manchen Stellen etwas anstrengend für den Leser zu sein und doch lohnt es sich, ihm zu folgen. Ich persönlich fand gerade die Isaac-Kapitel sehr bereichernd und interessant. Isaacs Vergangenheit ist sehr schwierig, seine Mutter hat sich ertränkt und sein Vater sitzt seit einem schrecklichen Arbeitsunfall im Rollstuhl und ist auf fremde Hilfe angewiesen, benimmt sich außerdem wie ein Tyrann und macht seinem Sohn so sein Leben zur Hölle.

Jedoch ist auch Isaacs Freund Billy Poe, der nach außen hin eine eher harte Schale zur Schau trägt, sehr intelligent und hinter seinem oft etwas rüden Auftreten stecken sowohl Sanftheit als auch eine gehörige Portion Intelligenz. Eine weitere interessante Protagonistin ist Grace, die Mutter Poes, welche ihr eigenes Leben aufgegeben hat, um nur für ihren Sohn da zu sein. Dies würde sie zwar von Herzen gerne ändern, doch fehlt ihr dazu die Kraft. Ihr Leben lang hat sie für ihren eigenen Unterhalt und den ihres Sohnes sorgen müssen, und dabei wünscht sie sich nichts sehnlicher als jemanden, der sich um sie kümmert.

Diesen Mann findet sie in Bud Harris, dem Polizeikommissar der Stadt. Dieser versucht aus Liebe zu Grace alles, um Poe vor der Haftstrafe zu bewahren. Er nimmt dabei sogar in Kauf, seine eigene Karriere zu gefährden. Doch die Liebe wird nicht in dem Maße erwidert, wie er es sich wünschen würde.

Des Weiteren nimmt der Leser zudem die Perspektive Lees ein, der ebenfalls hochintelligen-ten Schwester Isaacs. Diese besucht die Yale-Universität und hat reich geheiratet und es so geschafft, ihrem tyrannischen Vater und der Enge der sterbenden Kleinstadt zu entfliehen. Jedoch scheint sie ihre Vergangenheit seelisch noch nicht völlig hinter sich gelassen zu ha-ben. Ihr Verhältnis zu Isaac war in ihrer Kindheit sehr gut, doch während ihrer Abwesenheit haben sich die beiden Geschwister voneinander entfremdet.
Henry English schließlich ist Isaacs Vater, der seit einem schrecklichen Arbeitsunfall schwer behindert ist und im Rollstuhl sitzt. Er ist alleine völlig hilflos und benötigt deshalb die Hilfe seines Sohnes, den er allerdings nicht allzu gut behandelt. Lange Zeit fühlt sich Isaac von diesem eingesperrt und gibt ihm die Schuld dafür, dass er kein Studium aufnehmen kann - bis er sich schließlich dennoch auf den Weg macht.

Der Autor verwendet gerne lange, komplex gebaute Sätze, was das Lesen zunächst ein wenig anstrengend macht. Jedoch minderte dies meinen Lesegenuss nach einigen Seiten Einlesezeit nicht mehr. Die Dialoge sind oftmals im saloppen, umgangssprachlichen Ton gehalten, was die Charaktere und die Geschichte noch authentischer wirken lässt.

Obwohl das Buch über weite Strecken einen relativ langsamen und ruhigen Erzählstil auf-weist, flogen die Seiten nur so dahin und es gab keine nennenswerten Längen für mich. Vielmehr wollte ich immer weiter lesen, um endlich zu erfahren, welches Schicksal die lieb gewonnenen Charaktere ereilen wird.

Der Schluss des Buches ist meiner Meinung nach sehr stimmig. Das Ende wird in gewisser Weise offen gelassen, so dass der Leser sich seine eigenen Gedanken machen kann, was sehr gut zu diesem Buch passt. Nach dem Zuschlagen des Buches blieb ich sehr zufrieden, aber auch nachdenklich zurück mit dem guten Gefühl, eine sehr wertvolle Leseerfahrung gemacht zu haben.

„Rost“ ist auf jeden Fall ein faszinierendes Buch und das Lesen hat sich für mich mehr als gelohnt. Einerseits ist der Roman typisch amerikanisch, aber andererseits ist Philipp Meyers Schreibstil sicherlich als einzigartig zu bezeichnen. Hervorzuheben ist aber insbesondere seine Fähigkeit, realitätsnahe und interessante Charaktere jenseits der oft angewandten Schwarz-Weiß-Schablone zu zeichnen – Suchende, die danach streben, ihren Platz in der Welt und ihren ureigenen Weg zu finden.

Ich jedenfalls werde diesen Schriftsteller im Auge behalten und habe mir fest vorgenommen, auch sein nächstes Werk zu lesen. Ich hoffe, dass er – auch jenseits der gängigen Mainstream-Literatur – genügend Aufmerksamkeit bekommt, so dass er die Welt mit zahlrei-chen weiteren Werken dieser Qualität bereichert.

 

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Rost Rost
Philipp Meyer

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Rost
von Philipp Meyer

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