Rezension verfasst vor 1 Jahr
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Es ist weder ein Kriminalroman, noch reine Belletristik, was Philippe Claudel in seinem Buch „Die grauen Seelen“ beschreibt. Es ist eine Mischung aus beidem, gekonnt zusammengefügt, zu einer wunderbaren Erzählung.
Protagonist ist ein nicht benannter Polizist, der in der Zeit des ersten Weltkrieges seinen Dient in der zu Deutschland grenznahen Stadt V. tut. Der Hauptteil der Geschichte spielt im Winter 1917, kurz vor Kriegsende. Aber der Krieg ist doch ferner in dieser Stadt. Durch den Umstand, dass es eine bedeutende Fabrik gibt, müssen viele der Männer nicht in den Kriegsdienst. Auch die Front ist einige Kilometer entfernt, doch immer hört man das Donnern der Kanonen. Dies und der Umstand, dass das Krankenhaus der kleinen Stadt zum Bersten mit Kriegsverwundeten voll ist, sind die einzigen Zeugen des Krieges.
In diesem Winter wird die Leiche eines zehnjährigen Mädchens am Ufer des für die Fabrik gegrabenen Kanals gefunden. Sie wurde erwürgt. Jeder kannte sie, handelt es sich doch um die Tochter eines bekannten und beliebten Wirts der Stadt, sie wurde Belle de Jour genannt, da die Leute sagten, sie sei schön, wie eine Blume gewesen. Sofort begeben sich die Polizei und der Richter zum Tatort. Es ist eisig kalt und niemand findet nähere Hinweise, die auf den Tathergang schließen könnten.
Dies ist die Hauptgeschichte, die Philippe Claudel in seinem Roman beschreibt. Umrankt wird sie allerdings noch von vielen anderen, die die Personen des Städtchens verinnerlichen, ihre grauen Seelen beschreibt. Angefangen von dem alten Staatsanwalt, der in einem Schloss neben dem Tatort lebt, über den Richter, der sich des Wortes als Waffe bemächtigt und über das tote Mädchen als eine x-beliebige spricht, sich somit bei der Bürgerschaft unbeliebt macht. Erzählt, wird auch die Geschichte einer jungen Lehrerin, die kurz nach Kriegsbeginn in V. ihren Dienst antrat und somit einen geisteskranken Kollegen ersetzte. Auf den ersten Blick scheinen die Personen nicht recht miteinander zu harmonieren, doch zum Schluss fügt sich alles zu einem fantasievollen Ganzen.
Das Buch ist ein brillanter Einblick in das Leben eines kleinen Städtchens, er gibt Aufschlüsse über deren Bewohner. Der Krieg ist nur ein „Randdarsteller“, wie schon erwähnt drangen die Kriegswirren nicht recht nach V. durch und die Geschichte hätte auch zu jeder anderen Zeit passieren können. Nichts desto trotz liefert Claudel hier einen wunderbar spannenden Roman ab, dessen einfühlsamen philosophischen Charaktere sich durchaus mit denen von hochtrabenden Schriftstellern, wie zum Beispiel Milan Kundera, messen können. Claudel hat viele gute Bücher hervorgebracht, doch dies ist eindeutig sein bestes!
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