Rezension zu "Suna" von Pia Ziefle

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anushka

Vor 11 Monaten

(5)

Familiengeschichten aus Europa

Luisa erzählt ihrer kleinen Tochter, die nachts nicht schlafen kann, ihre Familiengeschichte, die sie selbst zu ihren eigenen Wurzeln zurückführt. Es ist eine Reise durch Europa und die neuere europäische Geschichte. Sie handelt von türkischen Ziegenhirten, einer serbischen Gastarbeiterin, einem deutschen Kartographen und vielen mehr.

Zunächst zu vielen, zu Beginn. Denn der Einstieg ist unübersichtlich und verwirrend und deckt gleichzeitig, fast konstruiert, diverse mögliche Lebens- und Todesumstände ab. Durch die Vielzahl an Charakteren ist die Geschichte anfangs unübersichtlich. Strukturiert wid sie aber dann sehr gelungen durch die einzelnen Kapitel, die sich einzelnen Personen oder wichtigen Ereignissen widmen. Zudem macht diese Unübersichtlichkeit auch die Verzweigungen von Familien deutlich und so könnte man immer noch eine Generation weiter zurückgehen und immer wieder Schicksale aufdecken. Pia Ziefle hat einen sympathischen Roman geschrieben über eine junge Frau, die zunächst nach außen hin sehr bodenständig wirkt. Im Laufe ihrer Erzählung offenbart sich jedoch, wie zerrissen und nirgends zugehörig sie sich fühlt. "Großmäulig hatte ich mich aus dem Setzkasten meiner Herkünfte bedient [...], wenn das Deutsche nicht getaugt hatte und ich herauskehren wollte, wie ungewöhnlich ich war" (S. 254). Dass sich dies jedoch auf ihre kleine Tochter übertragen haben soll, wie der verschrobene Landarzt behauptet, finde ich eher unglaubwürdig und abergläubisch.
Auch gestört hat mich, dass mir die Zeit der Handlung unklar blieb und sich nicht logisch erklären lässt. Luisas Mutter war während des zweiten Weltkriegs noch ein Kind (und thematisiert dies auch des Öfteren). Luisa selbst erzählt von einer Kindheit in den 60er Jahren, später wird Sbrebrenica (1992) und der Bosnienkrieg ein Thema und Luisa erzählt auch immer wieder von E-Mails und Chats. Demnach würde ich die Handlung eher in den 2000er Jahren oder später verorten, dann wäre Luisa aber gleichzeitig eine recht alte Mutter (45 oder älter?), da das Kind, dem sie die Geschichte erzählt, ungefähr eineinhalb Jahre alt ist (also auch nicht neugeboren, wie der Klappentext behauptet). Für mich fügt sich dies alles irgendwie nicht logisch zusammen und hat mich beim Lesen immer wieder abgelenkt.

Überzeugen konnte dagegen der Schreibstil der Autorin, die die Zerrissenheit der Protagonistin wunderbar transportieren kann und die Verzweiflung spürbar macht, die die Ausgrenzung durch ihre Mutter bei Luisa auslöst. Pia Ziefle schreibt den Leser direkt in Luisas Fieberwahn mit hinein. Auch das ganze Familiengeflecht nimmt Leben und Farbe an.

Auch wenn ich den negativen Aspekten des Buches hier viel Raum gegeben habe, habe ich "Suna" trotzdem genossen und voller Neugier immer weitergelesen. Auch würde ich es weiterempfehlen. Nur sind mir trotz des Lesevergnügens auch Unstimmigkeiten in diesem Debütroman aufgefallen. Ich würde aber auf jeden Fall auch einen zweiten Roman dieser Autorin lesen, weil mich ihre Sprachgewalt gefesselt und in die Geschichte hineingezogen hat.

Autor: Pia Ziefle
Buch: Suna
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