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Alle anzeigenMr. Rail
Vor 9 Monaten
(23)Wie geht man mit einem Buch um, wenn man bemerkt, dass die Summe der Parallelen zum eigenen Leben aus einem Roman ein greifbares Leseereignis entstehen lässt? Was passiert, wen man aus gefühlter innerer Betroffenheit denkt, dass es besser gewesen wäre, dieses Buch nie zur Hand genommen zu haben? Was, wenn man selbst im Lauf seines Lebens oft an der Schwelle stand, zu realisieren, dass man vieles zu spät oder wichtiges nicht früh genug getan hat?
Ich habe Harold Fry gelesen, obwohl es mir nicht leicht gefallen ist. Die Gedanken schweiften andauernd ab und Ereignisse aus meinem Leben standen greifbar vor meinem geistigen Auge. Meine ehemalige Mitarbeiterin und gute Freundin Annette begleitete mein Lesen. Unser Abschied in einem Hospiz; ihr Versprechen, dem Krebs so lange zu trotzen, bis ich von einer Reise zurückkomme; unterwegs die Nachricht zu erhalten „Sie hat einfach losgelassen und wird morgen beigesetzt“; es nicht mehr zu schaffen, rechtzeitig am Grab zu stehen und die Aussage ihres Sohnes „Sie hat gewartet bis du fort warst… sie wollte dich nicht noch mehr belasten“. All dies verschleierte auf vielen Seiten des Romans mein Lesen.
Zu spät war ich dran… Weder zu Fuß, noch mit dem Auto hätte ich es geschafft und doch fühle ich noch heute den damals erlebten deutlichen Drang, einfach loszulaufen um es zumindest zu versuchen. Zu spät. Und letztlich auch nur ein Detail aus dem Roman, das mich getroffen hat, wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Wie man damit umgeht? Schwer zu sagen… unter dem Strich bleibt die Erkenntnis, dass es wichtig ist und war, nichts unausgesprochen zu lassen. Die Zeit zu nutzen, die bleibt und nicht vor den unbeantworteten Fragen des Lebens davonzulaufen.
Ein großes Buch. Für mich sogar ein Meisterwerk. Keine religiösen Verniedlichungen, keine romantisierenden Bilder aus einem Sterbehospiz. Der Mensch steht mit all seiner Nacktheit im Mittelpunkt und doch ist er nicht hilflos. Er kann nicht beeinflussen, den Lauf des Schicksals nicht ändern, aber in den schmalen Grenzen des Seins kann er mehr bewegen, als er sich oft zugesteht.
Wir sind Harold Fry auf Schritt und Tritt gefolgt – allerdings mit ein wenig Abstand. Wir wollten ihn nicht stören und selbst auch nicht gestört werden. Dieser Leseweg war wohl einer der wichtigsten unseres Lebens!
Rezension aus Sich beider Literatwos:
http://literatwo.wordpress.com/2012/07/24/literatwo-lauft-mit-harold-fry/
Dieser Teil der gemeinsamen Besprechung ist Amy (http://www.lovelybooks.de/mitglied/Amarylis/) gewidmet...
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