Rebecca Gablés dritter historischer Roman, „Der König der purpurnen Stadt“, führt uns zurück ins England des 14. Jahrhunderts, welches bereits Schauplatz ihres Erstlings „Das Lächeln der Fortuna“ war:
London im Jahre 1330. Der junge Jonah Durham ist Lehrjunge im Tuchhandel-Geschäft seines despotischen Cousins Rupert Hillock, welcher ihn nur unter dem Druck der gemeinsamen Großmutter Cecilia in seinem Haus aufgenommen hat. Rupert neidet Jonah dessen kaufmännisches Talent und die Aufmerksamkeit und Zuneigung von Cecilia. Diese versucht die Geschicke ihres Enkels so gut wie möglich zu lenken, erkennt sie doch in ihm den einzigen Verwandten mit Ehrgeiz und Potenzial. Da ist es egal, dass ihr Schützling selbst nur wenig von ihren wohlgemeinten Ratschlägen hält. Als Cecilia eines Tages stirbt, ist es somit Jonah, der ein halbes Vermögen erbt, wohingegen Rupert leer ausgeht. Es ist der Beginn eines Zerwürfnisses mit folgender lebenslanger Feindschaft. Jonah baut sich nun ein eigenes Geschäft auf, sein Erfolg missträuisch beäugt von dessen Cousin. Bei einem missglückten Anschlag auf sein Leben macht Jonah schließlich die Bekanntschaft des jungen König Edwards III. und Königin Philippas. Und als er letzterer bei einem Unfall während eines Turniers das Leben retten kann, ist dies der Beginn einer beispiellosen Karriere.
Gemeinsam mit der Königin, die er insgeheim liebt, revolutioniert er den Tuchhandel Englands, holt er entgegen des Protests der Gilde Flamen ins Land und macht bereits in jungen Jahren ein Vermögen. Doch mit seinem Einfluss am Hofe und dem Ansehen wachsen auch Jonahs Neider. Mit William de la Pole schafft er sich einen mächtigen Feind und auch Rupert, der mittlerweile von der Hand in den Mund lebt, hat mit dem sehr selbstzufriedenen Jonah noch eine Rechnung offen. Während Englands Ritter gegen Frankreich in den Krieg ziehen, muss der junge Tuchhändler seinen eigenen Kampf ausfechten, um nicht all das zu verlieren, was er sich so hart erarbeitet hat …
Harte Arbeit muss auch die Recherche für diesen historischen Roman gewesen sein, in dem Rebecca Gablé einmal mehr äußerst geschickt die realen Geschehnisse und Persönlichkeiten einer geschichtlichen Epoche mit den fiktiven Figuren und deren Lebensläufen in Einklang bringt. „Der König der purpurnen Stadt“ ist dabei so etwas wie ein inoffzielles Prequel zur Waringham-Trilogie, da u.a. Geoffrey Dermond und Gervais of Waringham, Robins Vater, hier kleine, aber nicht unwichtige Rollen spielen. Und auch mit den augenzwinkernden Auftritten des jungen John of Gaunt und dessen Bruder, dem späteren „Schwarzen Prinzen“, gelingt ihr eine äußerst amüsante Verknüpfung. Doch trotz dieser kurzen Gastspiele stehen die Ritter und Adeligen diesmal nicht im Mittelpunkt. Gablé hat stattdessen ihr Augenmerk, wie auch schon in der abgekürzten Inhaltsangabe angedeutet, auf das Wirken der Londoner Händler zur Zeit Edwards III. gerichet. Zu Beginn erleben wir dessen wagemutiges Eindringen in Nottingham Castle, wo er seine Mutter und deren Liebhaber Mortimer festsetzt und einer blutigen Herrschaft damit ein Ende macht. Gemeinsam mit Philippa verhilft er England zu neuer Größe, in großen Maße unterstützt durch eben jene Woll- und Tuchhändler, welche Edwards Kriegspläne finanziell unterstützen und die heimische Wirtschaft mit der Ansiedlung von flämischen Webern und Walkern stärken.
Das Gablé aber nicht ganz ohne Adel und Rittertum kann, wird im Lebenslauf Jonahs deutlich. Dessen Aufstieg ist, trotz vieler Rück- und Schicksalsschläge, kometenhaft und scheint, das mekrt leider auch der Leser ziemlich schnell, relativ ungefährdet. Dabei wäre hier Potenzial für mehr vorhanden gewesen. Im Gegensatz zu Robin („Das Lächeln der Fortuna“) und Caedmon („Das zweite Königreich“) ist nämlich Jonah alles andere als untadelig. Hochmut, Selbstherrlichkeit und Gefühlskälte sind nur einige der charakterlichen Schwächen, derer er sich rühmen darf. Ein interessanter Ansatz, der die Figur wohl realistischer und glaubhafter machen sollte, welcher aber am Ende im krassen Gegensatz zu seinen außergewöhnlichen Erfolgen steht. Es gibt fast nichts, was dem glücklichen Jonah nicht gelingt, und eben das sorgt bald für Langeweile. Hätte Gablé diese Figur gewagter entwickelt, sie hätte einen hassenswerten Anti-Helden ergeben. So bleibt sie, zumindest mir, bis zum Ende hin nur unnahbar und unsympathisch. Das die Autorin ihren Schützling nicht derart finster zeichnen wollte, liegt vielleicht auch an William de la Pole. Diesen ebenso genialen wie skrupellosen Kaufmann hat es in der Tat gegeben, und er ist es auch, der den schillernden Bösewicht in dieser Geschichte verkörpern soll. Einziges Manko: Seine Auftritte sind selten, die Gefahr, welche von ihm ausgeht, stets zu gering, als das man um die Helden im Buch bangen müsste. Überhaupt ließen mich die Erlebnisse von Jonah und seinen Freunden, bis auf wenige Ausnahmen, im Ganzen ziemlich kalt. Das Mitfiebern, Mitbangen und -zittern, das die beiden vorherigen Bücher so spannend mache, fehlte mir hier zu oft.
Ist „Der König der purpurnen Stadt“ deswegen ein schlechtes Buch? Ganz schnelle Antwort: Auf keinen Fall. Auch diesmal glänzt Gablé mit hohem Unterhaltungswert und einer sprachlich schlichten, aber dafür ungestelzten Geschichte. Sehr geschickt verbindet sie das Leben am könglichen Hofe mit dem komplizierten Geflecht der Kaufmannswelt, wodurch der Leser einen guten Einblick in das Stände- und Gildensystem der damaligen Zeit und dessen Auswirkungen auf den Verlauf des hundertjährigen Krieges erhält. Dieser wird, bis auf die Seeschlacht von Sluis, relativ schnell abgehandelt, was natürlich den Hauptfiguren des Romans geschuldet ist. Besonders lobenswert und hervorzuheben ist Gablés Schilderung der ersten Pestepidemie, welche in den Jahren 1348/49 die Bevölkerung Europas um gut die Hälfte reduzierte. Das Herannahen des „Schwarzes Tods“ und dessen letztendliches Ausbrechen in London wird erschreckend eindringlich in Szene gesetzt. Das Buch endet schließlich kurz vor Beginn der Ereignisse von „Das Lächeln der Fortuna“. Und nicht nur wer wissen will, was aus den beiden liebenswerten Halunken Gervais und Geoffrey werden wird, sollte dieses Buch unbedingt im Anschluss lesen.
Insgesamt ist „Der König der purpurnen Stadt“ ein guter historischer Roman, der jedoch an der fehlenden Tiefe und den vor allem sehr eindimensional geratenen Figuren krankt. Gablé kann es eigentlich besser und hat dies insbesondere in der Waringham-Trilogie eindrücklich bewiesen. Trotz all dieser Kritik: Ein Buch, das einen Großteil der Konkurrenz immer noch weit hinter sich lässt und jedem Freund historischer Schmöker ans Herz gelegt werden kann.