Es ist gut möglich, dass es da draußen noch irgendjemanden gibt, der die Welt des Mittelalters weit besser und farbenfroher auf Papier bringen kann, als Rebecca Gablé. Wenn dem so ist, dann hat dieser jemand allerdings bisher nicht zum Stift gegriffen, denn die deutsche Autorin zeigt auch mit der späten Fortsetzung ihres im Jahre 1997 erschienenen historischen Romans „Das Lächeln der Fortuna“, warum sie in Leserkreisen und Feuilleton gleichermaßen als Königin dieses Genres tituliert wird. Mit „Der Hüter der Rose“ ist ihr erneut ein episches Meisterwerk gelungen, das Fiktion und Historie gekonnt verbindet und auch qualitativ nahtlos an den Vorgänger anknüpft. Mehr noch: Band zwei der Reihe um die englische Adelsfamilie Waringham wirkt um einiges reifer, zeigt deutlich den Sprung, den Gablé in ihrer Schreibtechnik in den letzten Jahren vollzogen hat. Sie nimmt gekonnt den Faden auf, ohne schlicht zu wiederholen oder sich in Widersprüchen zu verzetteln, was es sogar Neulingen ermöglicht, ohne Probleme den Einstieg in die Reihe in Angriff zu nehmen. Bei allen anderen wird sich vermutlich, so wie bei mir, ein wohliges Gefühl der Heimkehr einstellen, wenn man die erste Seite dieses mitreißenden Romans aufschlägt und sich an die Geschehnisse am Ende von „Das Lächeln der Fortuna“ zu erinnern beginnt …
Rückblick: England, der dreizehnte Oktober im Jahre des Herrn 1399. Henry of Lancaster wird vom Erzbischof von Canterbury in Westminster gesalbt und zu Henry IV. von England gekrönt. Robin of Waringham, Berater und treuester Verbündeter der Familie Lancaster, reist direkt nach den Feierlichkeiten nach Hause, um seinen neugeborenen Sohn, den dritten mittlerweile, in die Arme zu schließen. Er nennt ihn John, nach seinem langjährigen Freund, den verstorbenen Duke of Lancaster, welcher als John of Gaunt in die Geschichte eingegangen ist.
Fast vierzehn Jahre später begegnen wir John of Waringham nun wieder. Nach dem Tod von Henry IV., der in den letzten Tagen seiner Regentschaft von einer Krankheit schwer gezeichnet war, wird jetzt dessen ehrgeiziger Sohn Henry V, genannt „Harry“, König von England. Er will den immer noch schwelenden langjährigen Krieg mit Frankreich für seine Heimat siegreich beenden und die ihm zustehende Krone beider Länder in Besitz nehmen. Das Volk, von den vielen Scharmützeln mit Franzosen, Schotten und Walisern zermürbt, setzt all ihre Hoffnungen in Harry, der in Auftreten, Erscheinung und Tatkraft ganz dem herrschenden Ritterideal entspricht. Begeistert und bereitwillig folgt es ihrem König. Unter seinen Begleitern wäre auch gern John of Waringham, der wie sein älterer Bruder Raymond an der Seite Harrys kämpfen will, aber insgeheim befürchtet von seinem Vater in eine kirchliche Laufbahn gedrängt zu werden. Wie Robin so viele Jahre zuvor, so nimmt auch John schließlich Reißaus. Er macht sich allein auf den langen Weg nach Westminster und begegnet, nach einigen schmerzhaften Zwischenfällen, dem König.
Auch dank der Fürsprache der Brüder Raymond und Edward wird er trotz seines jungen Alters am Hof zum Knappen ausgebildet. Gemeinsam mit seinen Freunden, dem Waliser Owen Tudor und Harrys Cousin John Beaufort, genannt „Somerset“, zieht er schließlich an der Seite Harrys in den Krieg. Von der langen Belagerung Harfleurs über die berüchtigte Schlacht von Azincourt, wo er zum Ritter geschlagen wird, bis hin vor die Tore von Paris. John wird, wie so viele Jahre zuvor sein Vater Robin, zum engsten Vertrauten des Königs, einem Hüter der Rose (Das Kennzeichen der Lancasters). Er entführt die Liebe seines Lebens, die junge Juliana, um sie gegen den Willen ihres Vaters Henry Beaufort, dem Bischof von Winchester und Onkel des Königs, zu heiraten, der trotz allem einen Narren an John gefressen hat, und, wie einst John of Gaunt Robin, die schützende Hand über den jungen Waringham hält. Und das ist dringend nötig, den Fortunas Launen sind wechselhaft und am am Hofe des Königs wimmelt es nur so von machthungrigen Adligen, ehrgeizigen Königsbrüdern und intriganten Kirchenmännern …
Über 1115 Seiten einen Leser nicht nur bei der Stange zu halten, sondern ihn auch noch auf höchstem Level zu begeistern, zu bannen und zu rühren, das ist wahrlich eine hohe Kunst. Eine Kunst, die Gablé wie scheinbar keine Zweite im Bereich des historischen Romans zu beherrschen versteht. Auch die Begegnung mit der zweiten Generation aus dem Geschlecht der Waringhams ist eine äußerst lohnende, zumal man sich dank John of Waringham stets im Zentrum der geschichtlichen Ereignisse wiederfindet und über dessen Schulter einen Blick auf eine Epoche gewährt bekommt, die von Kriegen und Leid ebenso geprägt war, wie von Frieden, Wohlstand und mittelalterlicher Kunst. Wie schon in ihren anderen Romanen, so ist es auch hier dank der detailgetreuen Schilderungen und liebevoll gezeichneten Figuren gänzlich unmöglich diese dicke Schwarte von Buch längere Zeit aus der Hand zu legen. Während andere Schriftsteller historische Persönlichkeiten lediglich verwenden, um ihren Werken Authentizität zu verleihen, da macht Rebecca Gablé diese lebendig. Und obwohl sich ein Großteil des Buches um die Regentschaft des erfolgreichen und beliebten Königs Harry dreht, deutet sich bereits früh an, dass besonders John of Gaunts Sohn, Henry Beaufort, die Sympathien der Autorin genießt.
Beaufort kommt in vielen Dingen nach seinem Vater. Und wie bei John of Gaunt, so gewinnt auch dieser Lancaster den Leser schnell für sich. Charismatisch, ehrgeizig, aber auch mitfühlend, unterstützend und beratend. All diese Facetten ringt Gablé dieser Figur ab, ohne den historischen Überlieferungen an irgendeiner Stelle zuwiderzulaufen. Überhaupt hat die Autorin bei der Ausarbeitung ihrer Protagonisten einen Riesenschritt nach vorne getan. War Robin of Waringham noch über lange Strecken ein unglaubwürdiger, strahlender Gutmensch, sind in „Die Hüter der Rose“ die Waringham-Sprößlinge weitaus vielschichtiger charakterisiert worden. Mehr noch als John gefällt mir da Raymond of Waringham. Ein Frauenheld und grobschlächtiger Schwerenöter, der erst handelt und dann denkt, aber in Treue zu seinem König steht und der sein Herz am rechten Fleck hat. Seine Eskapaden mit Mägden und Bauerstöchtern sorgen im Buch immer wieder für heitere Momente, verdeutlichen aber auch das Missverhältnis des Ständesystems.
John of Waringham macht dagegen die größte Entwicklung im Lauf der Geschichte durch. Seine anfängliche Kriegsbegeisterung verliert sich mit den Jahren. Seine Träume von Mut, Heldentaten und Ritterlichkeit verblassen angesichts der Gräueltaten bei Azincourt. Der Krieg in Frankreich und seine lange Gefangenschaft samt Folter verändern John of Waringham. Aus einem einstmals aufgeschlossen, neugierigen jungen Mann wird ein zynischer, rachelüstiger Veteran, der die Vergangenheit nur schwer hinter sich lassen kann und selbst von seiner Frau plötzlich nicht wiedererkannt wird. Gablés Schilderungen des gewaltsamen Konflikts sind zwar in keiner Weise so detailgetreu und brutal wie die des Kollegen Bernard Cornwell, aber trotzdem nicht weniger eindringlich. Während der Engländer das blutige Schauspiel in drastischen Szenen beschreibt, sind es hier die leisen Töne, welche beeindrucken. Gablé wagt einen Blick in die Seele des Krieges und zeigt dessen Sinnlosigkeit auf. Über Jahrzehnte geführt, wechselt das Glück mit jeder neuen Regentschaft auf Seiten Frankreichs oder Englands die Seiten. Schnell weicht die Euphorie der Kriegsmüdigkeit. Auch weil mit Johanna von Orleans eine Gegnerin auftaucht, welche den zerstrittenen und fast ausgelöschten französischen Adel vereint und ins Felde führt.
Gablés Auseinandersetzung mit der Jungfrau aus Lothringen ist mutig, spricht sie der heutigen französischen Nationalheldin doch jeglichen Glanz ab. Stattdessen wird uns eine soziopathische Frau mit verklärten Blick gezeigt, die in erster Linie der Hass antreibt und nicht die Suche nach Frieden. Ihr skandalöser Gerichtsprozess gehört zu den düsteren Passagen des Buches und macht eine Lichtgestalt auf verletzliche Art und Weise menschlich. Wie die Autorin das geschafft hat, ohne ihre Objektivität zu vernachlässigen, ist beeindruckend. Trotz ihres Todes mangelt es John aber auch später nicht an erbitterten Feinden, wobei ich mir das ein oder andere Mal gewünscht hätte, dass sich der wackere Waringham nicht immer so arg schnell aus seinen Zwickmühlen befreien würde. Insbesondere beim Zusammentreffen mit den Ketzern gegen Ende ist Gablé vielleicht ein bisschen über das Ziel hinausgeschossen.
Dennoch: „Der Hüter der Rose“ ist eine unheimlich intensive Achterbahnfahrt durch die zweite Hälfte des Hundertjährigen Krieges bis zu den ersten Ausläufern der Rosenkriege, die ohne langatmige Passagen blendend unterhält und akkurat-gründliche historische Recherche mit stilistisch geschliffener Fiktion verbindet. Ein Wiedersehen mit alten Freunden, das mehr als lohnt und allen Freunden historischer Romane dringendst ans Herz gelegt werden kann. Das Gablé dabei dasselbe Erfolgsrezept in Punkto Handlungsaufbau wie bei den Vorgängern gewählt hat, mag vielleicht den kritischen Kümmelspalter um seine Ruhe bringen. Das Lesevergnügen kann das allerdings nicht im geringsten trüben.
Chapeau, für diese Leistung, Frau Gablé!