Ist es möglich, aus einem erfolgreichen Gesellschaftsbrettspiel einen ebenso überzeugenden Roman zu zimmern? Eine Frage, die sich eventuell auch Klaus Teuber, Erfinder des Kultspiels „Die Siedler von Catan“, anfänglich gestellt hat, um sich schließlich nach der Lektüre des historischen Epos „Das Lächeln der Fortuna“ an dessen Autorin Rebecca Gablé zu wenden. Diese war, nach beidseitigen Aussagen, sehr angetan von der Idee und stürzte sich mit der ihr eigenen Akribie in dieses Projekt. Herausgekommen ist ein Buch, das trotz der Einarbeitung ihrer profunden geschichtlichen Kenntnisse, nur noch mit Abstrichen als historischer Roman bezeichnet werden und den Vergleich mit z.B. den Werken aus der Waringham-Reihe leider nicht standhalten kann. Eine Enttäuschung also? Nur teilweise, denn auch wenn „Die Siedler von Catan“ die hohen Erwartungen, welche man mittlerweile einfach unwillkürlich an jedes neue Gablé-Werk stellt, nicht erfüllt, auch dieses Werk weiß zu unterhalten, was nicht zuletzt mal wieder an den liebevoll gezeichneten Figuren liegt.
Auch wenn Gablé bewusst keine zeitlichen Angaben macht, liegt die Vermutung nahe, dass die Handlung irgendwann zu Mitte des 9. Jahrhunderts im hohen Norden Skandinaviens seinen Anfang nimmt. Dort, in einem kleinen Küstendorf namens Elasund, wird das Leben für die Bewohner zusehends härter. Das Land wirft für die immer größer werdende Gemeinde nicht mehr genug ab und zu allem Überfluss werden die Elasunder auch regelmäßig von den benachbarten Turonländern angegriffen, die bei ihren Raubzügen neben Lebensmitteln auch Frauen und Kinder rauben, um ihr eigenes Volk lebensfähig zu halten. Wer zurückbleibt, verfällt in Trauer oder lässt den Zorn an seinen Nachbarn aus. Auch Candamir und Osmund, Ziehbrüder und Freunde seit Kindesbeinen, leiden unter den Plünderungen. Beim letzten Überfall wurde Osmunds Frau getötet, während Candamir einen Großteil seines Viehs verlor. Die Zukunftsaussichten sind wahrlich mehr als finster.
Da kommt plötzlich Hoffnung von gänzlich unerwarteter Seite: Osmunds Onkel Olaf, der wegen seines Reichtums vom Rest der Elasunder verachtet wird, berichtet von einer fruchtbaren Insel weit im Süden, auf die ihn einst auf einer Handelsreise ein Sturm verschlug und welche genug Platz für alle bieten würde. Für Candamir klingt das zu schön, um wahr zu sein. Er misstraut dem gerissenen Händler und will nichts mehr von dieser Insel hören, bis ihn ein schrecklicher Hungerwinter dazu bringt seine Meinung zu ändern. Nun beginnen fast alle Elasunder von dieser neuen Zuflucht zu träumen und als der Winter schließlich zu Ende geht, bereiten sich viele auf den Aufbruch vor. Ein Großteil der Siedler, darunter auch Osmund und Candamir, verlässt Elasund, um sich einmal mehr dem Sturm zu stellen und Olafs geheimnisvolle Insel zu finden. Doch die Reise ist lang und voller Entbehrungen. Nahrung und Wasser werden knapp, Unwetter drohen die Schiffe zum kentern zu bringen, Meuterei bricht aus. Bevor es jedoch dem halsstarrigen Olaf an den Kragen geht, setzt ein gewaltiger Sturm ein. Als die Elasunder ihr Bewusstsein wiedererlangen, finden sie sich auf einer Insel gestrandet vor … Eine Insel, die offensichtlich reich an allem ist und deshalb nur Catan sein kann. Ein Land, das Odin einst schuf und das nun zur neuen Heimat der Siedler werden soll …
Vorneweg: Inwieweit und inwiefern sich Rebecca Gablé an der Spiel-Vorlage orientiert und was sie genau davon aufgegriffen hat, kann in dieser Rezension von mir nicht beurteilt werden, da ich „Die Siedler von Catan“ bis heute (Ja, Schande über mein Haupt) noch kein einziges Mal gespielt habe. Einerseits fehlt mir deshalb natürlich der Bezug bzw. werden mir sicherlich einige der Anspielungen entgangen sein. Andererseits kann ich aber dadurch vielleicht die Geschichte an sich objektiver und mit mehr Abstand betrachten. Und diese kommt für eine Gablé nur äußerst zäh in Gang. Wo es sonst gerade der historische Kontext war, den die Autorin so geschickt mit ihrem Plot verknüpft hat, da bleibt hier alles seltsam undefiniert. Man weiß nicht genau wo und wann man sich befindet oder welcher Nationalität die Figuren angehören. Und auch Candamir und Osmund, welche augenscheinlich die Handlung tragen sollen, kommen recht blass daher. Kein Vergleich mit einem Caedmon of Helmsby oder einem Robin of Waringham. Stattdessen mutet das Ganze ein bisschen so an wie ein Fantasy-Roman (nicht zuletzt wegen der Tolkien-Anleihe bei der Catan-Legende), dem man lediglich einen geschichtlichen Touch verpassen wollte. Kurzum: Irgendwie wollt mir der Einstieg in „Die Siedler von Catan“ nicht so recht gelingen und ich musste mich, auch ungewöhnlich für ein Gablé-Werk, ein wenig durch die ersten 100 Seiten kämpfen.
Spätestens mit dem Anker lichten der Siedler in Elasund nimmt dann aber auch die Geschichte passenderweise etwas an Fahrt auf, gewinnen die Figuren mehr an Konturen. Die Aufbruchstimmung greift über und besonders der Beginn der Besiedlungsphase weckte bei mir nostalgische Erinnerungen an das von mir so geliebte PC-Spiel „Die Siedler II“. Ging man anfangs noch davon aus, dass die Erzählperspektiven durchgängig zwischen Osmund und Candamir wechseln würden, deutet sich bald an, dass Letzterer im Mittelpunkt der weiteren Geschehnisse stehen wird. Eine gute Wahl, denn Candamir ist es auch, der mir mit seiner grobschlächtigen, aber irgendwie auch herzensguten Art am Besten gefallen hat. Im Vergleich zu ihm können die anderen Figuren nicht ganz bestehen, was unter anderem daran liegt, dass Gablé Gut und Böse ein bisschen zu deutlich gekennzeichnet hat. Hier gibt es gewisse Parallelen zum Aufbau der Siedlung im Brettspiel. Denn wie dort, so musste auch die Autorin beim Buch quasi mit nichts anfangen. Wo sie sonst die Lebensläufe ihrer fiktiven Protagonisten mit denen der historischen Persönlichkeiten grandios verweben konnte, blieb ihr an dieser Stelle nichts anderes übrig, als alles komplett zu erfinden.
Trotz dieser dichterischen Freiheit ist doch die Handlung eindeutig erkennbar an der Kultur der Wikinger orientiert, deren Sitten, Bräuche und Traditionen Rebecca Gablé gut recherchiert wiedergibt und welche meines Erachtens auch am besten zur der Geschichte Catans und dem Seefahrer-Hintergrund der Figuren passt. Dabei geht sie, wie schon Bernard Cornwell in seiner Uthred-Saga, näher auf den Konflikt zwischen dem aufkommenden Christentum (welches der eifrige sächsische Sklave und ehemalige Mönch Austin geduldig unter dem Volk verbreitet) und dem altnordischen Götterglauben ein, der letztlich sogar das Spannungselement darstellt und für ein paar überraschende Wendungen im Roman verantwortlich ist. Davon gibt es jedoch leider weniger als sonst, da der Ausgang dann doch insgesamt zu offensichtlich geraten ist.
Ansonsten bietet auch „Die Siedler von Catan“ gewohnte, gute Kost. Wie in jedem ihrer Bücher, sonst sind auch hier die Einzelschicksale der kleinen Gesellschaft dicht miteinander verwoben. Alle stehen untereinander in Zusammenhang, keine Tat bleibt wirklich ohne Folgen. Die Personenanzahl ist erfrischend überschaubar und selbst der zeitliche Rahmen, der bei Gablés anderen Werken manchmal mehr als fünfzig Jahre umfasst, bleibt relativ kurz.
Insgesamt ist „Die Siedler von Catan“ ein unterhaltsam inszenierter Historienroman mit Fantasy-Anleihen, der dank Gablés herrlichem Stil trotz wenig inhaltlicher Substanz noch eine gute Wertung erreicht und den ich aber dennoch mit Sicherheit kein zweites Mal lesen werde. In diesem Sinne: „Ein netter Ausflug, Frau Gablé. Und jetzt bitte schnell wieder zurück ins mittelalterliche England.“