A138 366 Argumente für die Existenz Gottes von Rebecca Goldstein
Achtung! Ironiekontaminiertes Gelände! Bierernstnehmen verboten.
Alle haften für ihre jeweilige Weltanschauung.
Cass Seltzer, studierter Religionspsychologe, hat den Bestseller des Jahres geschrieben: „Die Vielfalt religiöser Illusion“. Dafür wird er international gefeiert, ohne dass er eigentlich so recht weiß, wie ihm geschieht. Doch damit nicht genug, obendrein hat sich ihm auch noch Lucinda Mandelbaum zugewandt, die „Göttin der Spieltheorie“, eine Frau, die nichts weniger verdient als „seine grenzenlose Anbetung“.
Schon die ersten Seiten des Romans bilden damit eine spitzfindige Schleife – der Religionspsychologe, der nicht gläubig ist, aber eine Frau anbetet –, die die Autorin später noch weiter ausbauen wird: zu einer ganzen Horde aus Widersprüchen. Sprachlich fein geschliffen, so fein, dass der Schleifstaub in der Nase kitzelt und ständig zum Lachen reizt, lässt sie ihre Figuren durch den Roman tänzeln und taumeln. Professor excellentissimus Jonas Elijah Klapper, der sich unerträglich ernst nimmt und damit die größten Lacher provoziert; das Wunderkind Azarya, das der gleichen Gruppe Chassidim entstammt wie auch Cass und dem eine schwere Entscheidung bevorsteht; die quirlige Roz, eine frühere Geliebte von Cass, die just jetzt wieder aufgetaucht ist und ihn dazu überreden möchte, sich ihren vitamingestützten Maßnahmen zur Unsterblichkeit anzuschließen; Pascale, seine Exfrau, die aufgrund eines Blutgerinnsels vorübergehend der Sprache beraubt wurde und deren erster durchrhythmisierter Satz danach lautete: „Ich bin gezwungen, dir das Herz zu brechen“.
Wunderschön, wie Rebecca Goldstein bei aller Ironie sämtlichen Figuren auch etwas Liebenswertes mitgibt, etwas, das man nachvollziehen kann. Anstatt sie heimlich für ihre Schwächen, Marotten, Tics, für ihre Angewohnheiten, ihre bizarren Rituale zu verurteilen, lässt sie überall ein Hintertürchen (oder auch ein großes Portal) offen, durch das man sich ihnen nähern kann. Hier wird niemand endgültig ausgelacht, alle sind menschlich und damit voller Widersprüche – bloß für die Bierernsten, die sich selbst das größte Podest errichten, bleibt wenig Spielraum. Nur gerecht, wie ich finde: Wer über sich selbst nicht lachen kann, verdient, dass stattdessen andere über ihn lachen.
Diese kluge Autorin hat mich besonders mit einem Satz sehr berührt, der ungefähr in der Mitte ihres Buches steht: Er besagt, dass die verlorenen Paradiese „die einzigen Paradiese sind, die es gibt“.
Wie viele Menschen bin auch ich immer auf der Suche nach einem Zustand, der mir größtmögliche Zufriedenheit garantiert, einem Ort in Zeit und Raum, wo ich einfach nur glücklich sein kann. Dass es diesen Ort nicht gibt, kann man täglich erfahren; das Leben, die Umstände, andere Menschen, man selbst – ständig pfuscht einem irgendwas ins Glück hinein, macht es madig, macht es unvollkommen.
Der Satz von Goldstein (den sie übrigens auf Marcel Proust zurückführt) hat mich eindrücklich darauf hingewiesen, dass es dennoch keinen Grund gibt, deswegen unfroh zu sein: Denn ihr zufolge wird ein Ort oder eine Zeitspanne immer erst rückwirkend zu einem Paradies. Durch Verklärung, durch selektive Erinnerung, die sich nur das Beste herauspickt und alles andere elegant unter den Tisch fallen lässt.
Das bedeutet umgekehrt, dass wir zwar nach bestmöglichen Verhältnissen streben können (und sollten, denke ich), aber auch im Unperfekten glücklich sein können. Dass vollkommenes ewiges Glück nicht möglich ist (sondern nur in der Erinnerung möglich scheint), ist so kein Grund mehr zu verzweifeln.
Und damit zieht sie elegant eine neue Schleife hin zum Heilsversprechen so vieler Religionen an uns Leidende und manchmal Verzweifelnde, das genau darauf abzielt: auf Paradies, Nirwana, Himmel, den Ort nach dem letzten Gericht. Ob wir es für möglich halten, dass es dergleichen jenseits unserer jetzigen Erfahrung, in einem überirdirschen, „jenseitigen“ Bereich gibt, hängt dann natürlich vom Glauben ab.
Glaube folgt, das ist es ja gerade, keinen Argumenten. Niemand, die/der glauben will, wird daher von diesem Buch davon abgebracht werden. Und wer der Autorin eine Absicht in dieser Richtung unterstellt, hat den Roman vermutlich ziemlich ironiefrei gelesen.
Aus meiner Sicht hat Rebecca Goldstein einfach einen unglaublich schlauen, durchdachten, scharfsinnigen und warmherzigen Diskussionsbeitrag geliefert, der – auch dank der hervorragenden Übersetzung – herrlich und unterhaltsam zu lesen ist. Dass sie manchmal etwas zu viele Perspektiven in einem Rutsch durchstreift, stört beim Lesevergnügen nicht weiter, das im Fall von „36 Argumente für die Existenz Gottes“ auch ein großes Denkvergnügen ist.
Daher empfiehlt die Buchprüferin allen, die auf Letzteres Lust haben: lesen!